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aphoristische Begegnung ::: Buddhismus/bedrohlich

… Kontemplation gehört zum Gefährlichsten was abendländischen Gesellschaften geschehen kann.

»Die ruhige von aller Reflexion und Begierde losgelöste Betrachtung der Dinge in ihrer Gesamtheit: das ist die so simple wie ganz und gar eigenständige Ästhetik Schopenhauers, die von der Klassik letztlich ebenso weit entfernt ist, wie von der Romantik. Eine solche Konzeption ist kein genuiner Teil der abendländischen Kultur, und man kann sie als ein erstes Anzeichen dafür werten, dass Schopenhauer sich dem ›tiefsten Gedanken‹ annähert, der in Nietzsches Worten dazu führte, dass ›Europa von einem neuen Buddhismus bedroht scheint.‹«

(Michel Houellebecq, in Schopenhauers Gegenwart)

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PGI Expeditionsbericht ::: mondsichtig

Acht Wochen Trockenheit, am Abend der Mondfinsternis Wolkenbruch um 19:00. Hoffnung und Zuversicht hochhalten, es war ohnehin viel zu warm. Ha, es klart auf!

Vorabend, auf Mondsuche, ein anderes interessantes Himmelsphänomen lenkt ab, am Gegenhorizont ist eine Spiegelung der Sonne zu sehen, habe ich davon nicht schon einmal gelesen, wie hieß das doch gleich, … huch, ahahaaa, das ist Er ja, der Mond! Ja, das sieht nach hervorragenden Bedingungen aus! Glasklar steht er am Himmel. Wie durchsichtig. Wie … Wie … Wie gerade noch erahnbar! Das lässt Großes für Morgen hoffen!

Der Weg zum Beobachtungsplatz. Die gegenüberliegende Flussseite, malerisch in Dunst und Abendfarben getaucht, immerhin hierfür wird sich das Verlassen der Wohnung gelohnt haben.

PGI am Palmengarten in der Mondnacht. Mücken. Wehrlosigkeit beim Halten von Langzeitbelichtungen. Flusskrokodile. Der Fluss wie Morast, ein Sumpf, Geruch wie am Meer, modrig, Seemonster werden heraufbeschworen. Musikmarodierende Jugendliche ziehen durch die nächtliche Parklandschaft. Wie gestern zeigt sich der Mond wiederum so klar konturiert und umrissen, überdeutlich klar prangt er am Himmel, so …, so …, so transparent! Nur keine Enttäuschung anmerken lassen. Ereignissen von astronomischer Größe kann mit ausreichend Phantasiewillen immer angemessene würde- wie weihevolle Aufmerksamkeit gezollt werden. Mag er auch so gut wie vollkommen verborgen in nicht direkt als Masse erkennbaren, sondern nur indirekt dadurch dass sie den Mond diffus verschleiern, Wolken sein, nur leicht rosa getönt, ein Schimmern, aber die ganze Szenerie, überhaupt nach einem Regenschauer abends hier im Park, wenige Mitmondsichtige die sich auch den Palmengarten oder oben die Brücke als Beobachtungsplatz ausgesucht haben, das ist doch schon etwas aus dem Alltag Enthebendes! So witzeln wir nur kurz, dann hätten wir ihn ja nun gesehen, und können wieder gehen, und schlagen unser Beobachtungscamp auf den Stufen auf.

Es wird dunkler, der verfinsterte Schattenmond sichtbarer. Und unter dem marsscheinendem Mond der eigentliche, von Sandstürmen noch lichter angefachte Mars, wie an einem Pendel unter ihm schwingend.

Es wird dunkler, und der Mond kontrastreicher, irgendwann stippt er mehr und mehr aus den niedriger liegenden Wolken heraus, und zeigt sein marsrot verdunkeltes Selbst, der Kollege weist darauf hin, es wäre beinahe als wäre nun der Mars unser erdnaher Trabant, der inzwischen auch als leuchtend rot strahlender Punkt wie an einem ausschwingenden Pendel unter dem Mond hängend zu sehen ist. Der Kollege referiert weiter über die dort gerade tobenden Sandstürme. Die ISS quert den Himmel. Vor dem Marsaufgang noch ist weiter rechts Jupiter als buttrig leuchtende Kugel am Himmel zu sehen. Wirkungen auf frühere Menschen, ohne den Schutz der erklärenden Wissenschaft werden nachempfunden, und so relativ schnell zeigt sich nun doch das Verlassen des Mondes aus dem Erdkernschatten, dass auch klar ist, wie wirkungsvoll und zwingend logisch die entsprechenden Opfergaben erschienen sein müssen.

Verzweiflungserfahrungen mit den Kameras, nicht anspringender manueller Fokus, oder wenn er beim einen anspringt, findet man aufgrund mangelnder Lichtstärke des zu dunklen Mondes keinen Ansatzpunkt, als mein manueller Fokus endlich aktiviert, ist der Bildschirm so bunt rot schwarz blau kriselnd, und der Mond erscheint, so man ihn findet, als einzige Pixelkugel — in Wahnsinn getauchtes Auflachen — dass eine Scharfstellung vollkommen unmöglich ist. Dafür Freude an zufällig zu interessanten Bildern geglückten Verwacklungen.

Und dann der großartige und weitere Albernheiten und Witzeleien, überreizten Wahnsinn generierende Moment, als die Sonne einen sichelförmigen Teil des Mondes wieder direkt berührt …

… unglaublich wie hell, strahlend, dieses Licht, und so ist er normalerweise immer? Schon während der Kernschatten wohl nicht mehr auf ihn fiel, die Nuancen in denen sich die Mondfarbe wandelt, seine kontrastgebenden Strukturen wieder klarer werden, er nicht mehr wie eine verschwommene Nuss, Keks, oder Mikrobe am Himmel aussieht, durchaus zauberhaft. Eine Weile schimmert er wie cremiges Perlmutt. …

… und nun die Sichel, und der Kollege ruft, er sieht aus wie ein am Himmel hängender Augapfel! Wir ticken kurz vollkommen aus aufgrund dieser so großartig plastischen und vor allem das zu Sehende exakt und treffend beschreibenden Eingebung. Da hängt ein riesiger Augapfel am Himmel und glotzt! Mit blutversorgender Äderung und allem.

Und was nun aber auch immer klarer wird, man sieht es wirklich, die Dimension dessen was man eigentlich sieht, wie der Schatten der Erde nicht mehr vollkommen auf den Mond trifft, wie sich der Mond langsam daraus heraus schiebt, man sieht und begreift wirklich: es ist der Erdschatten. Wann wirft man schonmal so einen großen Schatten auf irgendwas? Wir, die Erde. Und später als nur noch ein kleines Stückchen vom Schatten herausgenagt ist, die Überlegung, wer ist denn das jetzt noch? Asien? China? Versuchen wieder Erde, Konstellation, Sonne und Mond in unserem Gehirn als Modell entstehen zu lassen, und es ist beinahe unmöglich, nur verschwommen möglich, die Dimensionen sind zu groß, als dass das Modell im Gehirn aufgebaut und gehalten werden könnte.

Begleitend die Freude dass man aufgrund der Witterungsverhältnisse nicht mehr geglaubt hätte das Spektakel so berauschend sehen zu können. Acht Wochen Trockenheit und in dieser Nacht Wolkenbruch! Doch dadurch auch so viel stimmungsvoller, mythischer, mystischer, zumal das Wehr draculesk unter Mond und Mars illuminiert ist.

Und dann sieht Hr. Görlt die wieder leuchtende Sichel mit Strahleneffekt, und ich gebe meiner Beobachtung Raum dass ich mit Brille zwar nicht randscharf sehe, aber die Sichel als Form doch nur leicht versetzt durch all die h2o-Moleküle über sich selbst hinaus zu strahlen scheint, doch ohne Brille, wie ein Star Trek Emblem, die Sichel ist mehrmals versetzt übereinander gepatcht, mindestens fünf- bis sechsmal, schade dass die Kamera nicht so sehen kann, wie man selbst. Dafür fotografiere ich derweil Zini-Monde, und vollkommen verworrene Blupse.

Unser Mond wird wieder heller und heller, so hell wie sonst, aber im Vergleich zu den vergangene Stunden wirkt er so hell leuchtend wie nie, und seine Farbe nicht silbrig wie sonst, sondern sonnengelblich, man sieht und staunt, ganz rechts noch ein winziger Hauch von Schatten, nicht einmal mehr scharf umrissen, es ist, als hätte man den Mond noch nie gesehen. Erde und Luft nachtkühl und voll tauer Feuchtigkeit, die Nacht zwar nicht wirklich dunkel, aber doch nachtblau, und über den beiden Bäumen so malerisch, übernatürlich der wieder erleuchtete Mond und sein »kleiner« Kompagnon der Mars, wie eine Erinnerung an die Mondfarbe der vergangenen Stunden.

Durchaus, so etwas sieht man nicht alle Nächte, mehr als gelohnt dafür die vertraute Freitagabendroutine aufgegeben zu haben, raus, all die Stimmungswechsel von übersteigerter Erwartung, transparenter Ernüchterung (das Gefühl vor diesem beinahe nicht zu sehenden Mond, es bringt das Erleben der letzten Sonnenfinsternis wieder), und zunehmender Spektakularität bis hin zu kirrem Wahnsinn und Ehrfurcht, raus, in den von partysierenden Jugendlichen dominierten Park, wo doch die Erinnerung im Vorfeld, auf das was man sehen und wie es sein wird, immer eine so wissenschaftlich feierliche Atmosphäre aufweist. Und der faszinierte Zauber für das was man sieht, dass man etwas im galaktischen Maßstab des Sonnensystems tatsächlich beobachten und erleben kann, teilhaben kann, natürlich kann man ja immer, aber dadurch dass eine Veränderung in der Zeitspanne weniger Stunden in der Nacht mit verfolgt werden kann, wird es so viel deutlicher, wie diese Felsen in der Weite des Alls hängen, und sich umeinander drehen.

Noch vollkommen von dem was ich gesehen habe erfüllt und bezaubert, (aufgedreht, überdreht, überreizt), dieses Ereignis, außerhalb des Erdalltags, außerhalb des menschlichen Alltags. Es wurde wie zu Anfang nicht gedacht, doch viel zufriedenstellender als die letzte Sonnenfinsternis.

Das Gefühl zu dem was in dieser Nacht auf der Leinwand des Himmels sehen konnte, ist vielleicht am besten zu beschreiben, wie der wieder erleuchtete Mond selbst, genauso fühlt es sich an, wie eine in schimmrigen Wasserdunst cremeweiß strahlende Lichtscheibe, und durch das Fernglas macht man in dieser Farbe Nuancen aus, sieht die Mare, und die Berge, vermeint verschiedene Steinfarben auszumachen, und ein bisschen fühlt es sich auch an, wie eine kleine Kindermurmel, eine wunderschöne Murmel die am Himmel hängt und einen auf einfache Weise glücklich macht, ein glitzerndes Juwel für die Erinnerung.

Noch vollkommen durchzogen, durchschliert und angefüllt, mondsichtig. Der Hr. Kollege erwähnte übrigens dass dieses Wort ihm wie ein Virus scheint, dass seitdem er es hörte durch sein ganzes Gehirn geht, und jedes Vorkommen des Wortes mondsüchtig durch mondsichtig ersetzt.

… viele weitere Umdrehungen könnten hier niedergeschrieben werden, nie endend, besser bekomme ich dieses beglückte Gefühl wohl doch nicht zu fassen, dieses unmittelbare Wahrnehmen unseres Sonnensystems auf nächtlicher Erde. Diese Besonderheit des Augenblicks. Diese Magie … [fade out]

Googlebildsuche liefert auf sehr zufriedenstellende Weise durchaus viele Bilder, die die Färbungen und verschiedenen Phasen der Finsternis wirklich so zeigen, wie man es im Fernglas gesehen hat. Vor allem die Farben, hach, oh nein, es geht schon wieder los … [fade fade out] … und für Leipzig sieht man zwei ähnlich dilettantisch ernüchternde Versuche diesen in der Luftfeuchtigkeit verschwommenen Blobs abzulichten. [out]

… zum mondfinstern glimmenden Palmengarten

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hjemmehage ::: maranta leuconeura

»Maranta leuconeura, prayer plant, native to the Brazilian Rainforest, the specific epithet leuconeura means ›white-veined‹, referring to the leaves. Small, white flowers appear during the growing season, although this is rarely observed in houseplants and the flowers are not of particular value in comparison to the attractive foliage. The leaves have a habit of lying flat during the day, and folding in an erect position at night as if in prayer for evening vespers, hence the common name ›prayer plant‹. This behaviour is an example of a diurnal rhythm.«

(Exzerpt aus wikipedia.en)

– meine Marante tanzt! Und blüht alles andere als rarely.

… mehr Marante

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thorouvian | m.o.n.d. ::: lunares theater

… mit einem Fernglas gen Mond, zum Klang von Fröschen und Akkordeon aus einem nahen Saal …

»Ich bin sicher, dass der Mond in einer menschlichen Atmosphäre schwebt. Es ist nur ein ferner Schauplatz des Dramas der Welt; ein weiträumiges Theater, das die Götter uns geschenkt haben, und unsere Handlungen müssen es ausstatten. Mehr Meer ist hier, und Land, Berg und Tal – ein fernerer Westen, eine Frische und Wildheit auf Vorrat, wenn alles Land geläutert sein wird. Ich sehe drei kleine Seen zwischen den Hügeln nahe ihrem Rand, und sie spiegeln die Strahlen der Sonne … ich meine die Rippen der Geschöpfe zu sehen. … so viel ist zwischen mir und ihnen. Es ist dort vielleicht Mittag und Schiffe liegen im Himmel vor Anker oder segeln auf den Meeren, und dort ist Lärm auf den Straßen, und in diesem Licht oder in jenem Schatten sinnt eine ruhige Seele.

Aber jetzt fliegen Käfer über seine Scheibe und bringen mich zurück zu Erde und Nacht.«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch I)

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auf alten Wegen ::: auf sich selbst zurückfallen

Ein spanisches Palindrom das es in sich hat »la ruta nos aportó otro paso natural – der Pfad führt uns zum natürlichen nächsten Schritt.«

Und noch mehr hat es in sich, was Hr. Macfarlane dazu zu sagen hat »Die chiasmische Struktur verdeutlicht auf kluge Weise die Transformation, die der Pilger durchläuft, wenn er zu seinem Ursprung zurückkehrt und sein Geist wieder auf sich selbst zurückfällt. Er bleibt scheinbar unverändert und vollzieht zugleich einen tiefgreifenden Wandel.«

(Robert Macfarlane, Alte Wege)

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Jaye Jayle ::: Emma Ruth Rundle | 3.12.17 | UT Connewitz

»wir durchfuhren geräumige Dunkelheit, wie der Philosoph William James es einmal nannte«*

(Robert Macfarlane, Alte Wege)

Der Weg führt durch ins Gesicht wehenden und wirbelnden Neuschnee mit einem kleinen Umweg ins UT. Zestglücklich sitzen wir schließlich an den seitlichen Sitzen, umfangen vom gemütlich wartenden Dunkel im sich zunehmend mit Menschen füllenden Saal, dessen Schönheit auch an diesem Abend ausgiebig und mehrmals gewürdigt werden wird. Umfangen von diesem heimeligen prä-Konzert-Gefühl, und der Frage, wie sehr vielleicht nicht nur Landschaften das eigene Leben und Selbstsein prägen, wie Robert Macfarlane es in Alte Wege beschreibt, sondern auch dieses gemeinschaftliche Gathering, Menschen die sich abends entspannt versammeln, um live Musik zu hören.

Jaye Jayle beginnen mit einzelnen, alles durchdringenden, schlagenden Tönen, die – beide mit Schlagzeug ausgestatteten Musiker zeigen sich im suchenden Blick mit dem Aufeinanderklacken von Holzstäben beschäftigt – von keinem der beiden Schlagzeuge kommen. Es ist der Bassist, der diese satten Schläge setzt, um die sogleich ein dicht durchdrängtes Klima aus an Nick Cave erinnernden Gesang, urgewaltigem Rhythmus, Schüttelklängen, triefendem Blues, und einem durch Musik und Mensch hindurchgehenden tief vibrierenden sirenenaufjaulendem Spezialgeräusch geschaffen wird, der Gesang zwischen nahezu geflüsterten Beschwörungen und daraus emporsteigenden Schreien wechselnd, die schwer auf allem lastende Spannung durchbrochen von kurzen Atempausen, in denen einzelne Instrumente etwas zurückweichen, und darin sanft eingestreuten weichen backing Vokals und meditativ anplingenden Klängen und Weisen Raum geben.

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russisk pakke klistre

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Baby Dee ::: Swans | 25.10.17 | Conne Island

One Sunny Judgement Day
I lost Track Of Time
(Baby Dee)

Vorgeplänkel. Am Einlass werden fürsorglich Ohrstöpsel gereicht. Auf einem Aushang neben dem Eingang ist zu lesen, dass das Tragen von Ohrstöpseln angeraten wird, ja, dass es vielleicht sogar unabdinglich sein könnte. Nach einem kurzen Besuch an der Bar, immerzu neue Biere im Land, eine angebotene Bierprobe wird jedoch abgelehnt, erklimmen die beiden Konzertbeobachter des PGI die seitlichen Ränge für Senioren, und ergattern den beliebten Aussichtspunkt mit diagonalem Blick am Pfosten vorbei auf die Bühne.

Zunehmende Verunsicherung welche Schallwellenamplituden zu erwarten sind, und ob die mitgeführten sensiblen Messgeräte durch die chemiebunten Batikohrstöpsel auch ausreichend Abschirmung vom Hauptwellensturm bieten werden, um die feineren Nuancen mitzeichnen zu können. In gleichzeitiger Spaltung des Seins fühlt man sich aber auch sehr entspannt. Diese disparate Seelenstimmung wird durch die Soundchecks der einzelnen Instrumente auf eine erste Zerreißprobe hin gereizt. Im Nachgang muss hier auch festgestellt werden, dass es ausnehmend schön war, das Korg einmal im vollsten Raumklang zu hören, den es diesseits und jenseits der Milchstraße gibt, ohne dass der Klang im allumfassenden Lärm aus allen Instrumenten aufgelöst wird.

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aphoristische Begegnung | sich selbst spielen

Unser Leben ist ein Spiel, das es zu spielen gilt.

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PGI | machen Sie nur weiter

… Karl Jaspers, schreibt »Husserl einen begeisterten Brief, gestand aber, dass er eigentlich nicht klar wisse, was Phänomenologie sei. Husserl schrieb zurück: »Sie üben die Methode ausgezeichnet aus. Machen Sie nur weiter. Sie brauchen gar nicht zu wissen, was sie ist. Das ist in der Tat eine schwierige Sache.« In einen Brief an seine Eltern äußerte Jaspers die Vermutung, Husserl wisse selber nicht, was Phänomenologie sei.«

(Sarah Bakewell, Das Café der Existenzialisten)

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aphoristische Begegnung | sich selbst erzählen

Unser Leben ist eine Geschichte, die wir uns selbst erzählen.

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thoreauvian ::: im unaufschließbaren innern von mensch und vogel

»Manche Fragen, die mir gestellt werden, sind so, als würde ich einen Vogel fragen, was er tun wird, wenn er sein Nest gebaut hat und seine Brut großgezogen ist.«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch I)

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strand | Kieselsteine finden

»Ich weiß nicht was die Welt von mir denkt, aber ich komme mir selbst vor wie ein kleines Kind, das am Strande des Wissens spielt und sich freut, wenn es hie und da einen kleinen glatten Kieselstein findet, während sich der große Ozean der unentdeckten Wahrheit vor mir erstreckt …«

(Zitat von Newton in: Terry Pratchett/Stephen Baxter, das lange Utopia)

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Maria Taylor | 23.02.17 | Moritzbastei

Die lange Jahreszeit hat uns mal wieder an den Strand gespült.
Die Meteoriteneinschläge häufen sich im Vergehen der Gezeiten.
Doch das Energiepotential steigt wieder an. Der Frühling in uns regt sich. Der kreisende Lauf des Jahres beginnt von Neuem …

Der Konzertverteiler bringt die durchaus mehrfach deutbare Information des Kollegen A., er habe bereits eine Karte für das Maria Taylor-Konzert erstanden. Die Dame, die vor Jahren im Rahmen der Sit down and Sing-Reihe mit Kristofer Åstrom und Wolke einen sehr feinen, unaufgeregten, vielleicht stellenweise fast ein wenig zu unaufgeregten, noch ruhenderen Pol in einem ohnehin sehr gemütlichen Konzertabend gab, nur mit ihrer Gitarre und nur mit ihrer Stimme in der Moritzbastei … es wird das perfekte Konzert sein, um die stille Jahreszeit zu beenden, und spät in das nächste Konzertjahr zu gleiten.

Ein vorbereitendes Einhören erhöht die Vorfreude. Die Stille der Musik scheint in Aufruhr. Und je weiter man hört, so klarer wird, dass Maria Taylor nicht nur eine zarte musikalische Saite (!) hat. Die oft geradezu fruchtgummisüßen Popsongs haben weithin mehr Drive und Schwung als die Erinnerung es hergab, sind voll ansteckender Energie und immerzu jung bleibender Lebenslaune.
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PGI Expeditionsbericht & Trivialnotizen | España del Norte | 18. bis 28. Sep 2015

Keine Postkarten! Keine Bilder.

Picos de Europa

Wir durchqueren die hügelige Landschaft mit Panoramablick auf die Bucht von Santander. Bei einem kurzen Halt in einer Bar um eine Tortilla zu erstehen erkundigt sich der Institutsleiter betont beiläufig nach den weißen, von uns bisher noch nicht eigenständig identifizierten Vögeln, und wir erfahren dass es sich um Garzas handelt. Derweil schließe ich freudig fotografische Bekanntschaft mit drei auf einem gelben Fenstersims lagernden jungen Katzen, die mich mit weit aufgerissenen Augen durch spärlich wucherndes Unkraut anstarren.

Weiter durch Autobahnwetter zu den Picos de Europa. Beschließen zeitlich bedingt uns lediglich den Westen anzusehen, mit dem reizenden Städtchen Potes und dem Punto de Mirador: Fuente Dé [sic!].

Die Wolkenmassen verteilen sich weiter im Landesinneren langsam in ausgedehnten Tälern und schließlich trudeln wir bei Höhensonnenschein durch die Ausläufer der Picos de Europa. Erschüttert von den plötzlich zusammenrückenden nicht anders als massiv zu bezeichnenden scharfkantig verkarsteten Kalksteinmassen durch die sich die kurvenreiche Straße entlang eines glitzernd im Sonnenlicht funkelnden Bachlaufs windet, sind die Institutsmitglieder minutenlang still vor ehrfürchtigem Staunen, Schrecken, und dem dumpf pochenden Hintergedanken an 600 zu zahlenden Piepen, weil wir eine Versicherung des spanischen PGI-Leihmobils nicht für notwendig erachtet hatten. Unser Auto befindet sich meist beinahe in Tuchfühlung mit steil nach oben ragenden Gestein einerseits, und dem Abgrund zum Gebirgsbach andererseits. Steinschlagschilder wechseln mit »Achtung Käseräder«-Schildern und den von den Azoren bekannten Kuhmotiven. Wir sinnieren kurz darüber ob eine auf dem Dach gelandete Kuh wirklich ein zu meldender Schadensfall wäre, oder die Kuh aufgrund des immerzu wirkenden visuellen Absurditätsfilters nicht weiter auffallen würde.

Das Höhenlicht auf den sehr hellen steil aufragenden Felsen ist faszinierend, dieses unwirkliche Leuchten der Bergwände, Schattierungen wie von einer Art luminosen Schatten in der Luft. Die kleinen Orte auf der Schlängelstraße sind meist geradezu aufdringlich pittoresk, aus Stein und Holz, Seniorenschaften auf Bänken am Wegesrand, die Bänke so nah an der Straße, dass sie bei jedem vorbeifahrenden Auto die Füße einziehen müssen. Und das Ende, la Fuente Dé (was?!), begrüßt mit einer Kuhweide, schwebend ihre Kreise ziehenden Geiern in den Lüften, Krähen und Stelzen auf der Weide, cremefarbenen Kühen und einem nicht minder kalbgroßen cremefarbenen Hütehund.

Beim Einfahren nach Fuente Dé weise ich die Kollegen auf einen wahnwitzig auf einer Felskante gelegenen Hüttenbau hin. Wir entdecken wenige Augenblicke später dass es sich dabei um die Endstation der etwa 200 m über die Kuhweide führenden Seilbahn handelt. Die Bodenstation ist ein aufsehenerregend stilechter 50er Jahrebau in geschwungenen Formen und schiffsbugartigen Verrenkungen. Die Gondelfahrt hinauf wird kurzfristig abgeblasen (16 Piepen!). Im an den Ticketverkauf angeschlossenen Souvenirbereich gibt es keine Postkarten.

Die Sonneneinwirkung kann als intensiv bezeichnet werden, und schlägt Adlerauge Füten und der Berichterstattenden etwas auf den Erkundungsdrang. Nachdem wir einen beschaulich einladenden Waldweg folgen wollten, werden wir von den zwei knurrenden am schattigen Eingang verborgenen Hunden auf die Idee gebracht, doch lieber am Parkplatz auf der einen schattigen Banksitzgruppe zu verweilen, und die von einem motorlaufenden stehenden Reisebus sanft aufgelockerte Stille zu genießen. Der Institutsleiter bricht mit T.h.e.o. zu einem Erkundungsgang auf der Suche nach einer Ulme zur Kuhweide auf, aus der Ferne wirken sie wie in das Panorama hineingegossen. Almöhi, auf einen Wanderstock gestützt, bei einem Spaziergang über seine Weide mit seinem Junior, während über uns zusammen mit den Geiern ein einzelner nordspanischer Albatross Imagica in weiten Kreisen seine Bahnen zieht und seine majestätischen Schwingen von den Picos de Europa bis nach Noja zu reichen scheinen.

Auf dem Rückweg eine kurze Rast an einem eiskühlen plätschernden Gebirgsbach, mit Blutegeln oder Kaulquappen, und am schlammigen Ufertritt fingernagelkleine Frösche, die sich leider nicht fokussieren lassen, da zu klein. So wie sich die Reiher am sonnenaufgehenden Ebbestrand nicht fokussieren lassen, da immer noch zu fern.

Ornithologische Notiz: Stelzen, Kleiber, Gänsegeier oder Steinadler, Alpendohlen, Buchfinken

Nephologische Notiz: auf der Heimfahrt befindet sich über uns eine getüpfelte runde Wolkenausdehnung (Altocumulus floccus)

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