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thoreauvian ::: veräppeln

Erstes Auftauen der Äpfel. Ehedem sauer (zu seinem Bedauern hat er sie gekostet) sind sie nun voll reichhaltigem süßen Most, ihm vertrauter als Wein. Seiner Meinung nach wertvoller als importierte Ananas. … »es gibt diese kratzigen Holzäpfel, mit denen ich meinen Gefährten veräppelte, indem ich mein Gesicht nicht verzog, damit er zum Essen verleitet wurde. Nun füllen wir beide gierig unsere Taschen mit ihnen und werden geselliger durch ihren Wein«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch II)

… Äppelflashback Wörlitz

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perec ::: treppenhaus

»das Treppenhaus ein baufälliger Ort von zweifelhafter Sauberkeit … durch das Treppenhaus huschen die flüchtigen Schatten all derer, die eines Tages da waren. … er versuchte die unmerklichen Einzelheiten, die im Verlauf dieser fünfundfünfzig Jahre das Leben dieses Hauses ausgemacht und die die Jahre eine nach der anderen ausgelöscht hatten, wieder lebendig werden zu lassen … die Treppen waren für ihn auf jedem Stock eine Erinnerung, eine Emotion, etwas Überholtes und nicht Fühlbares, etwas, das irgendwo in der flackernden Flamme seines Gedächtnisses zuckte: eine Gebärde, ein Duft, ein Geräusch, … ein Lärm, ein Schrei, ein Tohuwabohu, ein Rauschen und Knistern … ein klagendes Miauen hinter einer Tür, Klopfen an Wänden, … auch weiterhin nur eine unerträgliche Stille antwortete. … und rings umher die lange Heerschar seiner Figuren mit ihren Geschichten, ihrer Vergangenheit, ihren Legenden …«

(Georges Perec, Das Leben Gebrauchsanweisung)

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woolf ::: immer in diesem Garten

»… Falls das Leben einen Sockel hat, auf dem es steht, falls es eine Schale ist, die man füllt und füllt und füllt – dann steht meine Schale ohne jeden Zweifel auf dieser Erinnerung. Sie handelt davon, halb schlafend, halb wach, im Kinderzimmer auf St. Ivey im Bett zu liegen.«

All die vielen Male, zu Bett gehen, einschlafen, Dinge die sich zu einer Erinnerung verdichten, weil sie immer wiederkehren. Keine Einzelerinnerung sondern eine Gesamtheit an Erinnerungen, und sie bleiben so viel dichter vorhanden, als diese anderen. Mehr Gefühl als Erinnerung, mehr Bewusstheit als Erinnerung.

»Sie handelt davon dazuliegen und dieses Schäumen zu hören und dieses Licht zu sehen, und zu fühlen, es ist fast unmöglich dass ich hier bin …« Intensität der Eindrücke. Die immer noch realer sein können, als der gegenwärtige Augenblick. Beschreibt wie sie in manchen Zeiten noch mehr an diesen Ort zurückkehren kann, vollständiger, als jetzt gerade. »… so als sei ich dort, zu beobachten scheine; wie die Dinge geschehen. … In gewissen günstigen Stimmungen steigen Erinnerungen … an die Oberfläche …. wäre es nicht möglich – frage ich mich oft –, dass Dinge, die wir mit großer Intensität empfunden haben, unabhängig von unserem Hirn existieren; tatsächlich immer noch existieren?« Denkt an ein Gerät dass es einmal geben könnte um an diese Dinge heranzukommen. »… ich sehe sie, die Vergangenheit, als eine Straße, die hinter mir liegt; ein langes Band aus Szenen, Gefühlen …«

»… als sie Witwe war, saß [sie] stundenlang zwischen ihren Blumen, und sie schien mehr mit Geistern zu sein als mit ihnen allen, träumte von der Vergangenheit, die, dachte Mrs Vallance, irgendwie so viel wirklicher ist als die Gegenwart … und sie dachte an den sternenhellen Garten und die Bäume … spürte, wie ihre Augen weicher und tiefer wurden wie beim Kommen von Tränen … dass wenn sie noch am Leben wären und sie immer mit ihnen in diesem Garten gewesen wäre (der ihr nun wie der Ort vorkam in dem sie ihre ganze Kindheit verbracht hatte, und er war immer sternenhell, und es war immer Sommer) …«

(Virginia Woolf, Vorfahren & Auszug aus Skizze der Vergangenheit in: der Leuchtturm )

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wallace ::: gedankenschreiben

»schrieb er … das auf, was von den gerade gedachten Gedanken noch übrig war.«

(Anselm Oelze, Wallace)

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le guin ::: wahrheit aus lauter unsinn

»Ja. Gewiss. Schriftsteller trachten, zumindest in den Augenblicken des Mutes, nach der Wahrheit … aber sie nähern sich ihr auf einem höchst eigentümlichen und verschlungenem Weg, indem sie Personen, Orte und Ereignisse erfinden, die es nie gegeben hat und nie geben wird, und indem sie von diesen Fiktionen detailliert und ausführlich und mit viel Gefühl erzählen, und wenn sie es dann geschafft haben, dieses Bündel Lügen aufzuschreiben, sagen sie: da! Das ist die Wahrheit! …

… Bei der Lektüre eines Romans, jedes Romans, müssen wir uns völlig darüber im Klaren sein, dass es lauter Unsinn ist, und gleichzeitig doch, solange wir lesen, jedes Wort glauben. …

Wenn wir schließlich fertig sind damit, stellen wir vielleicht fest – falls es ein guter Roman war –, dass wir ein bisschen anders sind, als wir es vorher waren, dass wir uns ein wenig verändert haben … aber es ist schwer zu sagen, was wir erfahren haben, worin wir verändert sind.«

(Ursula K. Le Guin, im Vorwort zu Die linke Hand der Dunkelheit)

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trisolar ::: leben lenkt zu sehr

»Ding Yi mochte es in der Wüste spazieren zu gehen und seinen Gedanken nachzuhängen, manchmal gab er dort sogar Unterricht. Seine Studenten schätzten das weniger, aber er rechtfertigte seine exzentrische Vorliebe mit den Worten: ich mag verlassene Orte. Das Leben lenkt zu sehr von der Physik ab.«

(Liu Cixin, Drei Sonnen)

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woolf ::: eine Herde Elefanten, eine Wildnis voller Spinnen

»da war ich mit Notizbuch und Stift und dem Vorhaben hierhergekommen, den Vormittag lesend zu verbringen, in der Annahme am Ende des Vormittags die Wahrheit in ein Notizbuch übertragen zu haben. Aber ich müsste eine Herde Elefanten sein, dachte ich, und eine Wildnis voller Spinnen, mich verzweifelt an jene Tiere haltend, die angeblich das längste Leben und die meisten Augen haben, um all das zu bewältigen.«

(Virginia Woolf, Ein Zimmer für sich allein)

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thoreauvian ::: sich selbst lassen

»Ich halte es für den Gipfel der Weisheit, wenn ich mir nicht die Mühe mache, mich zu kontrollieren, und ein Leben mit Klugheit und gesundem Menschenverstand führe, sondern wenn ich über mich hinausschaue, erhabene Vermutungen anstelle, mich zur Durchgangsstraße erregender Gedanken mache, all das lebe, was gelebt werden kann. Was kann der Mensch, der mit sich unzufrieden ist, denn nicht tun?«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch II)

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night vale ::: fakten sehen wollen

»Wissenschaft basiert auf Fakten, doch diese Fakten werden auf auf Grund von Hypothesen erhoben, und Hypothesen entstehen durch das was man sieht oder sehen will.«

(Joseph Fink & Jeffrey Cranor, Der lächelnde Gott)

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southern reach ::: kreise, rechtecke

»… wenn man wie ein Wissenschaftler plapperte und wie ein Wissenschaftler herumstolziert, dann war man für Nicht-Wissenschaftler schnell nur noch Gesprächsstoff, aber kein Mensch mehr. Einige Wissenschaftler lebten diese Rolle aus und wurden zu wandelnden … Lehrbüchern. Von Cheney konnte man das nicht unbedingt behaupten, wenn man von kleineren Ausflügen in besagtem Jargon absah, zum Beispiel Quantenverschränkungen.« Control, immer noch auf dem Weg zur Grenze, fängt an Cheneyismen zu sammeln. Was einfach ist denn «er stellte fest, dass Cheney war er erstmal auf Touren, Stille hasste und diese mit einer merkwürdigen Mischung aus gebildeten und saloppen Sätzen pflasterte. – was ist, wenn wir einfach keine Sprache dafür haben? … sind wir überflüssig? … Frage bloß nicht die Armee. Ein Kreis sieht ein Rechteck an, und sieht einen schlecht gezeichneten Kreis. … – Himmel ist das eine lange Fahrt, sagte Cheney in die Stille hinein.«

(Jeff VanderMeer, Southern Reach II)

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woolf ::: insekten, spinnen, komisches

15. Mai, Brief an Vanessa. Imaginiert wie ihre Schwester mit dem Lesen von Lighthouse nicht vorankommt, und ihr daher nicht schreiben kann, weil sie dann gestehen müsste, dass sie noch nicht weiter gelesen hat. Gespräch mit ihrem Duncan, sie solle einfach so tun als hätte sie es gelesen und von einem Meisterwerk sprechen. Greift zum Tintenfass, voller toter Fliegen. »… Käfer haben zwölf Beine, Fliegen nur acht. Willst Du etwa sagen dass Du das nicht gewusst hast? Nun wahrscheinlich gehörst Du auch zu den Leuten die eine Spinne für ein Insekt halten: Wenn Du in Cornwall aufgewachsen wärst, wüsstest Du dass eine Spinne kein Insekt ist; sie ist – nein, ich glaube nicht dass sie ein Reptil ist: sie ist etwas Komisches. Das weiß ich genau. Jedenfalls kann ich Virginia nicht schreiben weil die Tinte eine einzige Masse von Käfer- und Spinnenbeinen ist …«, und schließt den fabelhaft phantasierten Dialog: »So, ist das nicht Wort für Wort die Wahrheit?«

(Virginia Woolf, Tagebucheinträge zu der Leuchtturm)

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woolf ::: wirbel, tumult, ideen!

Ihre Gedanken haben ihre Angelschnur in den Strom hinuntergelassen, »schaukelten Minute um Minute zwischen den Spiegelungen und den Wasserpflanzen hin und her, ließ sich vom Wasser heben und senken … plötzlich die Verdichtung einer Idee am Ende der Schnur … ach wie klein, wie unbedeutend mein Gedanke im Gras liegend aussah … ich werde Sie jetzt nicht mit diesem Gedanken belästigen, aber bei aufmerksamen Hinschauen könnten Sie im Laufe dessen was ich sagen werde, selbst darauf stoßen. Wie klein er auch war, besaß er doch die geheimnisvolle Eigenschaft, die dieser Sorte zu eigen ist – zurück in den Kopf gesetzt wurde er sofort sehr aufregend und wichtig; und als er losschoss und abtauchte und hierhin und dorthin flitzte, löste er einen solchen Wirbel und Tumult an Ideen aus, dass es unmöglich war, stillzusitzen. So kam es, dass ich mich dabei ertappte wie ich äußerst schnell über eine Grasfläche ging …«

(Virginia Woolf, ein Zimmer für sich allein)

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le guin ::: waldfarben

… bei den Zölibatären/Weissagern im Wald. Handdara. »… alles war waldfarben, rot und braun, feucht, still, duftend, düster.« Und dann geht es mit einem Mal in das volle Sonnenlicht einer grünen Wiese hinaus …

»es war ein introvertiertes Leben, selbstgenügsam, stillstehend, durchdrungen von jener einzigartigen »Ignoranz«, die von den Handdarata so gepriesen wird …« Prinzip findet im Wort nusuth (vom Protagonisten als unwichtig übersetzt) seinen Ausdruck, auch Prinzip des Nichteinmischens. Er gibt nicht vor es zu begreifen, aber nach einem Monat dort, beginnt er … zu verstehen …

(Ursula K. Le Guin, Die linke Hand der Dunkelheit)

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d.o.d.o. ::: bewusstsinne

Melissa in der Vergangenheit in Neuengland, gerade angekommen. »… Duft von feuchter, sonnengewärmter Erde in die Nase stieg. Ein paar Minuten lang atmete ich einfach nur. Bewusstsein – das Hier und Jetzt des menschlichen Verstands – ist mit der Umgebung des Körpers durch tausend Stränge verbunden, von denen die meisten uns nie bewusst sind, bis sie alle durchtrennt werden … unsere Sinne nehmen ständig Anblicke, Klänge, Gerüche und Empfindungen auf. Diese werden, wenn man von einer Hexe geschickt wird, unterbrochen, und der eigene Verstand weiß nichts mit sich anzufangen, bis er sich in seine neue Umgebung eingewoben hat. Das dauert ein Weilchen.

… Durch die Zweige eines Baums gesprenkelt wärmte die Sonne meine linke Seite, während die rechte die Unebenheiten von Gras und Erde, herumliegenden Zweigen und knorrigen Wurzeln spürte. Als mein Bewusstsein sich immer mehr auf die neue Umgebung einstellte, fiel mir das Fehlen des ständigen Umgebungslärms der modernen Zivilisation auf. An seine Stelle war ein unglaublicher Vogelgesang und das Summen von Insekten getreten.«

(Neal Stephenson & Nicole Galland, Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O.)

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roger ::: sich selbst spazieren

»Seine Gedanken führen den Menschen spazieren, die Richtung bestimmen sie oft selbst. Wer sich je seinen Gedanken überlassen hat, merkt zuerst, wie wenig es die seinen sind.

Es ist ja nicht einmal ein konsistentes Ich da, eine zentrale Instanz … und wenn diese doch einmal bewusst eingreift, dann interpretiert sie wohl nur verspätet und persönlich was vorher unpersönlich da war. Der Fluss der Impulse und der sie interpretierenden Ideen, Ordnungsbegriffe, Passformen entzieht sich weitgehend der Kontrolle. Also umgekehrt: etwas versucht diese Masse der Impulse in ein Ich zu kneten, ihm Gestalt und Notwendigkeit zu geben? Das ist die Persönlichkeit.«

(Roger Willemsen, Der Knacks)

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