Azorianisches

Reisenotizen 13.08.08 bis 24.08.08
São Miguel, Furnas — Terceira, Angro do Heroismo — São Miguel, Caloura

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Einschränkende Vorbemerkungen für den Informationssuchenden
Erreichbarer Wirkungsgrad aus gewonnener Information für eine eigene Reise durch zu bewältigende Lesemenge wird auf 5 % geschätzt (6 % sofern der Leser Vegetarier ist). Die Informationen werden nicht nur daraufhin was man alles theoretisch auf den Inseln sehen könnte sehr verstreut und punktuell sein, sondern vor allem in einem Gewirr und Gewimmel aus den typischen Urlaubseindrücken und Beobachtungen die azorenunabhängig sind untergehen, und vielleicht ohnehin nur in der eigenen Erinnerung einen Wert haben. Tipps zu wirklich hilfreichem Infomaterial: Netz, Print.

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1. Tag

Aufstehen. Ewig Zug fahren. Warten. Flug zieht sich ewig und noch ein bisschen. Meine sanftmütige Konstitution reagiert auf das Reisen soweit es das unsinnige Hin- und wieder Zurückkommen betrifft empfindlich und leicht erschöpft sich meine Geisteskraft. Zermatscht. Stumpfes Starren und immer erneutes Motivieren wieder ein bisschen Ion Tichy zu lesen. Die Zeit sinnvoll nutzen. Unmöglich.

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Der futurologische Kongress. Die Lektüre ist gegen die Reisequal machtlos, ist nicht in der Lage mit der dem Lemschen so eigenen Kraft zu erfrischen und den gestumpften Geist zu beleben. Zu matt. Zäh leide ich mit dem Helden. Seine Ausschweifungen über den x-stöckig riesigen Hotelwolkenkratzer, in den er sich zum Zwecke des Kongresses einfindet, schrecken mich durch ihren Wiederhall an mein mir unmittelbar bevorstehendes eigenes Erleben.

Lektüre des Reiseführers deprimiert mit dem Wissen, dass man fast nichts davon selbst erblicken wird. Und: der Kurpark den ich nach abendlicher Ankunft im Hotel als erstes begehen wollte (Pflanzen aus aller Welt, eisenhaltiges und daher schlammbraunes Warmwasserbecken) schließt um 18 Uhr. Ankunft am Flughafen 17:30. Kein Trinkwasserverkauf am Flughafen. Die Idee Wasser im Koffer zu deponieren war meinen zwecks der handgepäckslogistischen Rigareise angelegten Subroutinen natürlich fremd. Aber. Der Flughafen liegt direkt neben dem Meer. Und die Sonne wärmt.
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Nach Furnas fährt kein Bus mit dem man die Stadt so spätabends erreichen könnte. Also Taxi. 1 Stunde quer über die Insel. Die Fahrt allein würde als Urlaub genügen, wischt alle zutiefst gefühlten Anreisemartern hinweg. Macht alles wieder gut. Meer, Vulkankegel, grün bewaldet, Sonnenschein, überall Blumenbepflanzung und Riesenbüsche voller Blüten. Der Blick schweift die sanften Hügel rauf und runter. Schwarz-weiße Kühe tupfen die Landschaft. Grau-dunkle Mauern begrenzen die Felder oder fassen weiße Kirchtürme ein. Alles von dem man weiß, dass es die Azoren ausmacht, zeigt sich, untermalt von den typischen unmalerischen Dörfern plus Schnellstraßen samt Beschilderung, die man sich vorher natürlich nicht mitgedacht hat. Doch sobald man sie sieht, weiß man, erst sie können das Gesamtbild vervollständigen. Das gilt nicht nur für das Achtung-querende-Kuh-Schild.

Der Taxifahrer biegt in der Mitte der langgezogenen Insel an die Nordküste ab. Irritation. Der Flughafen ist im Südwesten. Furnas liegt im Inselinneren relativ mittig. Nun er wird schon wissen was er fährt, und ich will schließlich auch nichts weiter als für immer in diesem Auto sitzen bleiben zu dürfen. Aus dem Fenster gucken, und den Anblick der Landschaft in meine Seele saugen. Der Taxifahrer kommentiert freundlich die Landmarken – Ribera – Inselnorden – Teeplantage – die Namen sagen mir alle etwas – aber die Orientierung habe ich verloren. Sehe aber bestimmt schon alle 600 angepriesenen Picknickplätze aus dem Reiseführer. Alle identisch. Runder Tisch. Runde Hocker. Blick auf Meer, Gras, Baum und Blumenbusch.

Irgendwann verschwindet das Meer und das Taxi schlängelt sich durch immer engere und waghalsigere Kurven, steil nach oben und nach unten – oder besser gleitet. Ein Traum. Überall Tonnen an Flora die sich bis dicht an und über die Straßen drängt. Irgendwann kündigt der Fahrer an, rechts weit unten im Tal könne man nun Furnas sehen. Straßenbemauerung und -pflanzung ist allerdings zu hoch. Wir sehen nichts. Fahrer bemerkt dass Patrick und ich wie Flummis auf den Sitzen die Hälse recken und doch nichts sehen. Hält an einem Aussichtspunkt und scheucht uns aus dem Auto – in dessen Sitzen gelehnt und gekuschelt zu sitzen und die Insel aus dem Fenster zu erstarren mir doch bis in alle Ewigkeit nichts anderes zu meiner Zufriedenheit gefehlt hätte. Jetzt bricht auch noch die lärmende Fauna – Zwitschern, Zirpen, Rauschen –, und der drückend satte Blumenduft über uns herein.

Fahrtabstieg nach Furnas. Das Zentrum des Miniörtchens wird ausgewiesen. Taxifahrer zeigt uns Restaurant, irgendwann versperrt in einer superengen Straße ein parkendes Auto den Weg. Leute steigen daraus aus. Der Taxifahrer fährt nicht daran vorbei. Hmm. Warum nicht? Langsam und beständig wird klar, das unscheinbare gelbe Gebäude vor dem wir halten ist die Vorderseite des Hotel Terra Nostra Garden, die man nicht von den Bildern kennt. Wir sind da. Verdutzt, dass diese wunderbare Inselrundfahrt nun so abrupt zu Ende ist.

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Azoren. Die Insel der erfüllten Wünsche.
Schon vorher im Flugzeug. Plötzliche hungrige Panik eines Vegetariers. Das Flugzeugessen. Steward kündigt sich selbst von seinem Witz schüttelnd vor Lachen an, dass es Fisch oder Fisch gibt. Und Tatsache. Es ist Fisch. Man riecht es. Finde ich nicht komisch. Ich bin hungrig, traurig, niedergeschlagen – nicht, dass ich etwas anderes erwartet hätte.

A-aber. Überraschende Glückswende. Es leben die Portioniertellerchen. Labe mich an einem Karottensalätchen. Fröhlich kann ich mir ein Käsebrot semmeln und bekomme im Tausch gegen meinen Fisch auch noch Patricks. Und als Nachtisch Schwarzwälderkirschkuchen. Leuchtendglücklichsatte Augen. Seeligkeit. Ich mag SATA. Omi mit Hundescheere in Handtasche erzählt mir niedergeschlagen, dass sie diese nicht mit ins Flugzeug nehmen durfte.
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Und nun an der Rezeption. Ungefragt erklärt die Azorianerin am Empfang, dass die Hotelgäste einen Extraeingang in den Park haben und diesen bis 22 Uhr begehen können. Brauner Pool, ich komme!

Etwas später. Irren durch ewig langgezogene, abzweigende Hotelgänge an Bar und Pool vorbei. Wieder zurück. Endlich wird die Tür zum Parque Terra Nostra Garden gefunden. Ziemlich am Anfang ein Imbiss. Man könnte es sich jetzt einfach machen und hier ein Wasser kaufen. Man kann es auch lassen und lediglich freudig zur Kenntnis nehmen, dass es dort Wasser gibt. Gut. Später. Park. Wahnsinn. Sieht zwar alles etwas vertrocknet, oder vielmehr vergilbt wie auf alten Aufnahmen aus – aber gerade dadurch strahlt es auch eine besonders entspannende Stimmung aus, wie man sie gerne der nicht allzuweit entfernten Vergangenheit zuschreibt.

Gleich am Anfang stolpert man auch schon in das braune Planschebecken. Fürs Baden noch nicht gerüstet, werden zumindest die Beine reingehalten. Was soll man sagen? Luft waldig, Wasser samtig, warm, braun-golden. Und es müffelt, fast enttäuschend, gar nicht wie angekündigt. Parkausgang. Wasserkiosk hat geschlossen. Auf dem Zimmer fällt Veränderung erst gar nicht auf, doch langsam schält sich die Erkenntnis in die Aufmerksamkeit, dass sich etwas verändert hat. Wasser! Flasche! Obstkorb! Yeahh. Zu liebenswürdig. Riesengroße blaue Weintrauben schmecken sehr fein nach Pflaumen. Faszinierend.

Abendspaziergang zu den Fumerolen bzw. Caldeiras. Alles adrett bepflanzt und beleuchtet. Mond hängt über Baumwipfeln. Einsame Allee führt in weitem Bogen aus dem Ort heraus und auf die Fumerolen zu (will da sonst niemand hin?). Rauch in Ferne. Schließlich doch Leute da. Sagen wir, sie sind lediglich alle den direkten Weg durch den Ort gegangen. Schwefeldunst, abstrahlende Wärme, wabernde Schwaden und ein kochendes Blubbergeräusch, daneben Grillengezirps und schemenhafte Riesenkäfer die übers Pflaster flirren. Schon irre so etwas mitten im Ort zu haben. Wie langweilig müssen einem da alle anderen Aufwuchsmöglichkeiten wirken?

Rückweg durch Stadt. Bolo-Levedo-Stand identifiziert. Vorbei an mehreren kleinen Bars, in denen tatsächlich nur die Stadtbevölkerung zu sitzen scheint. Kirchplatz. Ruhe. Gesang verläßt Kirche. Groovige Büste mit Hornbrille. Eigenartige Kabel an Haus. Müde. Todmüde. Gute Nacht. Bürgersteige an Straßen sehr schmal. Lustige Motorradfahrzeuge machen immensen Krach. Zimmer liegt neben Klimaanlagengerät. Sooo müde.

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Flug mit SATA: Essen genügend portioniert, um Vegetariers Leben zu sichern.
Taxifahrt Flughafen – Furnas: ~ 40 Eur. Dauer: 1 Stunde
Hotel Terra Nostra Garden: Hotelgästen steht der um 18 Uhr schließende Park bis 22 Uhr offen.
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2. Tag

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3. Tag

Ankunft auf Terceira. Sonne. Hitze. Taxi. 25 Minuten bis Hotel. 22 Eur. Fahrzeug ungefähr 12 Jahre älter als die auf São Miguel. Kindheitserinnerung an Verwandschaftsbesuche in altem verrauchtem Ford Taunus. Heimeliges Gefühl. Straße von Nordwest nach Südmitte wie eine langgezogene Baustelle. Im Reiseführer steht, dass die Landschaft zwar schön aber weniger reizvoll als auf den anderen Inseln ist. Blick aus Fenster ist Verstehen. Die Hügel sind nicht so baumbewachsen und wirken karger. Viele grau ummauerte Kuhweiden. Nahezu alles besteht aus ihnen. Auch hier gibt es die Achtung-Kuhwechsel- Schilder.

Hotel Terceira Mar starker Gegensatz zu Terra Nostra Garden in Furnas. Alles neu, modern, glänzend; aber annehmbar angenehmes Ambiente. Also nicht überglänzend. Unser Zimmer liegt im zweiten Stock und wir nehmen den Fahrstuhl nach oben. Ausblick von Balkon auf Monte Brasil und Küste mit schwarzen Lavafelsen.

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Kurzgeschichte: der Weg aus dem Hotel des bizarren Raumgefüges
Schon erwähnt, dass es heiß ist? Also synapsenblockierend heiß? Schleppen uns den Hotelgang von unserem Zimmer nach vorne, um uns erst ein wenig im Hotel zu orientieren und dann nach Angra zu spazieren. Kommen zum Fahrstuhl der uns kurz zuvor ausgepuckt hat, nehmen aber jetzt unbepackt die verglaste Wendeltreppe nach unten. Bei der Rezeption vorne raus gehts auf die Straße, nach hinten liegt die Aussenanlage mit Swimmingpool, Meer, Felsen. Da wollen wir hin.

Treppe endet im ersten Stock – nur weitere Gänge und Zimmer, die Rezeption die man hier erwartet hat ist nicht hier. Vage wird Glastür wahrgenommen, mit der man bereits von hier im ersten Stock ein paar Treppen abwärts auf die Anlage mit Swimmingpool und hektargroßem freudlos ungenutzten Rasen gelangt. Aber das wäre zu einfach. Wo geht es weiter nach unten zur Rezeption und richtig raus? Zu heiß um weiter nach unten führende Treppe zu suchen; nehmen stattdessen Fahrstuhl. Werden in unserem Vorhaben durch Beschilderung abgelenkt, die auf Bar und Restaurant und Panoramatreppe im vierten Stock hinweist. Ungewöhnlich dass sich Rezeption und Restaurant nicht auf selber Ebene befinden. Gucken wir erst kurz in den Vierten, und dann runter und raus.

Drücken auf 4. Kommen an. Fahrstuhl sagt 4. Verlassen Aufzug. Wenden uns nach rechts und sehen gediegenes Restaurant samt Terasse und dort speisender gediegener (Hochzeits?-)Gesellschaft. Freue mich auf Frühstück draußen mit Blick auf Meer. Nach links. Achso. Die angekündigte Panoramatreppe ist die bereits benutzte Wendeltreppe. Irgendwie logisch, dass sie im ersten Stock aufhört, im Erdgeschoß braucht man ja keinen Panoramablick. Gott ist das warm. Schleppen uns weiter. Wollen endlich ins Freie.

Zurück zum Fahrstuhl. Aus dem Augenwinkel erspäht Patrick die Rezeption. Verwirrung. Sind wir jetzt doch im Erdgeschoss? Wir hatten doch auf 4 gedrückt und dachten wir sind oben? Der Aufzug muss kaputt sein, die Tasten mit den Zahlen irgendwie falsch angeschlossen, so dass man nach unten in die 1 fährt, wenn man die 4 drückt. Was für ein Laden. Drücken dieser Logik folgend auf die 1, die am weitesten unten angeordnet ist, um jetzt wirklich in den Vierten zu fahren, und uns dort umzusehen, und das zweite Restaurant dass sich oben befindet in Augenschein zu nehmen.

Landen wieder am Ausgangspunkt: Gänge, Zimmer, … Weg zur Aussenanlage. Ausblick in die Ferne aufs Meer verrät, dass wir uns auf derselben Höhe wie bei der Rezeption befinden. Fährt der Aufzug waagrecht?! Mir wirds zuviel, ich muss hier raus, panisch, sofort, und stürze durch die Glastür ein paar Stufen runter ins Freie, ohne die vierte Etage gesehen zu haben. Muss ja auch nicht unbedingt gleich sein. Draußen frische Luft. Blick zurück auf Hotelgebäude. Im vierten OG erkennt man das Restaurant von dem man weiß, dass dahinter die Rezeption und der Ausgang auf die Straße liegt. Der verwirrte Knoten enddröselt sich langsam. Hanglage.
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Nachdem wir das Hotel souverän, ohne Schwierigkeiten oder besondere Erlebnisse, verlassen haben, begeben wir uns in das Zentrum von Angra. Es ist schon 15 Uhr, aber man hat immer noch das Gefühl die Sonne schwillt am höchsten, heißesten, erplattensten Punkt über einem. Als ob der Mittag auf den Azoren in einer sich ausdehnenden Zeitblase von 9 Uhr früh bis 17 Uhr abends vor sich hinwabert, die jegliche Existenz anderer Tageszeiten schluckt. Es geht bergauf.