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thoreauvian ::: musik sein träumen

»zu meinem unendlichen Bedauern erwachte ich heute Morgen. … [Traum, reiten, dann segeln. Erst über Meer, dann über Land. Sieht plötzlich seinen Hund obwohl er nicht weiß dass er einen hatte. Dann eine Feuchtwiese. Trifft einen Freund und rezitiert mit ihm vergnüglich Verspaare. Zitiert eine von der er in seinen wachen Stunden nichts weiß, im Traum ist sie ihm aber ganz vertraut] … Ich hatte das Wort Erinnerung darin! … [und im Aufwachen das Gefühl er sei ein Musikinstrument, ein Horn, Klarinette oder Flöte, hört im Erwachen die letzte Melodie oder Fanfare. Erwacht zu seinem unendlichen Bedauern, um sich nur als sich selbst vorzufinden, nicht als] … Durchgangsstraße glänzender und weltbewegender Eingebungen. … Ich wusste dass ich ein solches gewesen war und wieder sein könnte, und mein Bedauern entsprang dem Bewusstsein wie wenig mein Körper jetzt einem Musikinstrument glich.«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch III)

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die Amsel

Die befreite Amsel breitete ihre Flügel aus und flog über das Sommerland … bis sie als ferner Punkt im Himmel verschwand …

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perec ::: spröde/geheime Spiegelungen seiner selbst

»Seit langem schon hatte ich das gleiche auch mit meinen Träumen getan. Lange vor Beginn meiner Analyse war ich nachts wachgeworden, um sie in schwarze Hefte zu schreiben, von denen ich mich nie trennte. Sehr schnell war ich zu einer solchen Übung gelangt, dass mir die Träume bereits fertig geschrieben in die Hand kamen, einschließlich ihres Titels. Wie groß auch immer meine selbst heute noch vorhandene Neigung für diese spröden und geheimen Aussagen ist, bei denen die Spiegelungen meiner Geschichte über unzählige Prismen zu mir zu gelangen scheinen, habe ich schließlich doch akzeptiert, dass diese Träume nicht erlebt worden waren, um Träume zu sein, sondern geträumt, um zu Texten zu werden, dass sie nicht der Königsweg waren, für den ich sie gehalten hatte, sondern gewundene Wege, die mich jedes Mal stärker von einer Erkenntnis meiner selbst entfernten.«

(Georges Perec, Orte einer List, in: Denken/Ordnen)

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knausgård ::: hvorfor skrive? miste seg selv | værensnærvær

»jeg-et i litteraturen ligner jeg-et i virkeligheten på den måten at det unike vet det ene bare kan uttrykkes gjennom det som er felles for alle, som i litteraturens tilfelle er språket.« → vgl. Proust, dass Gefühle/Erleben über das man schreiben will so in der Sprache kodiert werden muss, dass es von den Lesern aufgrund ihres eigenen Erlebens allgemeingültig dekodiert werden kann. Weiter am Beispiel Emily Dickinson, »den store ensomheten og lengselen hun åpenbart følte, er for lengst død og begravet når vi leser dem, bare artikulasjonen av den er tilbake, som vi vekker til live i samme øyeblikk som vi lar blikket falle på ordene hun en gang for lenge siden skrev, og underkaster oss dem. Da synger hun i oss.« … aber an diese zukünftigen Leser kann sie nicht gedacht haben, «hvorfor artikulere livsfølelsen og ikke bare føle den eller tenke den? Ja, hvorfor skrive?»

Im Jetzt. Beschreibt die Sonne, Apfelbaum, Blätter, Schatten, einen Vogel der einen Wurm vertilgt. «luften lyder av kvitring og fuglsang. … alt ligger her, i det jeg gjør nå. Men hva er dette? Ja, hva er det å skrive. Det er først og fremst å miste seg selv, eller sitt selv. I det minner det om å lese, men mens tapet av ens selv i lesingen er til det fremmede jeg-et … er tapet av selvet i skrivingen på en helt annen måte fullstendig, som når snøen forsvinner i snøen, kunne man tenke seg, eller en hvilken som helst annen monokronisme … slik er det skrevne selvets vesen. Men hva er det samme som det både utgjøres av og beveger seg i? Det er det egne språket. Jeg-et oppstår i språket og er språket. Men språket er ikke jeg-ets, det er alles. Det litterære jeg-ets identitet ligger i at det ene ordet blir valgt framfor det andre, og hvor lite sammenholdende og sentrert er ikke den identiteten? På et vis ligner den identiteten på den vi har når vi drømmer, hvor bevistheten skiller like lite mellom det som er oss og det som er våre omgivelser og opplevelser, og vårt jeg er liksom lagt ut i et rom, hvor den grønne benken til venstre er like sentral for den vi er som den sprellende fisken til høyre, eller den Neptun-aktige skikkelsen som stiger opp fra vannet … forskjellen på drømmen og skriften måtte være at den første skjer unkontrollert, i noen av kroppens ubevisste moduser, og er hensiktsløs, mens den andre skjer kontrollert og er målbevisst. Og det stemmer, men likevel ikke, for det vesentlige i likheten har med den manglende lokaliseringen av jeg-et å gjøre … og det spørsmålet det reiser, for er ikke selve sentreringen det som egentlig utgjør jeg-et? Selve sammenholdningsakten? Jo. Men sannheten om jeg-et er ikke sannheten om den egne værenen. Det som stiger opp mellom de ulike bruddstukkene langt ute i det ikke-sammenholdte, er også det egnes klang, denne gjennom livet vedværende selvets tone, det i oss som vi våkner opp til, hinsides tankene vi tenker … og som er det siste vi slipper taket i før vi søvner. Og er det ikke denne selvets klang, denn fjerne tonen fra det egne, som går gjennom all musikk, all kunst, all litteratur, … alt som lever og kan sanse? Den har ingenting med jeg-et å gjøre, og ennå mindre med vi-et … bare med selve væren i verden … når jeg ser på den lille spurven utenfor, hvordan den står på grenen i solen og kaster hodet bakover for å få seg makken eller larven, er det utenkelig at den skulle være helt uten værensnærvær. Kanskje det til og med er sterkere enn vårt, siden det umulig kan være tilskygget av tanker. Det jeg-sammenholdende tankene er det lesningen og skrivingen kan oppløse …« → im Lesen loest sich das ich auf, aber nicht das sein. »… i første tilfellet går inn i det fra utsiden ankomne fremmede, og i den andre … går inn i det egne fremmede, som er det språket man selv råder over, med andre ord det språket man sier jeg i. Når man skriver mister man kontrollen over det jeg-et, det blir uoverskuelig … egentlig er en representering av dets faktiske tilstand, eller i alle fall det nærmeste en representering av det faktiske jeg-et vi kommer.« → sich in sich fremd finden

Dazu ein berühmtes Tagebuch zitierend, 1954. »Mandag – jeg. Tirsdag – jeg. Onsdag – jeg. Torsdag – jeg«

(Karl Ove Knausgård, Min Kamp 6)

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thoreauvian ::: schlafend träumen wachend leben

»Endymion soll von Jupiter das Vorrecht erhalten haben, so viel zu schlafen, wie er wollte. Kein Mensch möge den Schlaf fürchten, wenn seine Müdigkeit daher rührt dass er seinem Genius gehorcht … diese Art von Leben, die wir, schlafend, träumen, dass wir sie wachend leben, leben wir, wachend, bei unseren nächtlichen Spaziergängen, während unser Tagesleben als ein Traum erscheint.«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch III)

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fuchs ::: tiamat ark – Universum, Meer aus Zumutungen

»Marduk sah klar: Tiamat hatte Abzu aus Machtgeiz kleingehalten. Abzu hatte Tiamat belogen und betrogen um eine eigene, ebenfalls recht planlose Agenda durchzusetzen, und die Schöpfung war zwischen diesen verpeilten Göttern mehr verpfuscht als geplant zustandegekommen: die makroskopische widersprach der mikroskopischen Ordnung. Wobei die Quanten noch die kleinste Beleidigung in einem Meer der Zumutungen waren … [Marduk wusste warum er hier war] in dieser kläglichen Welt. Um sie neu zu denken. … | … [Abzu] erkannte, dass er das Universum ganz grundsätzlich missverstanden hatte. Es war nichts, dem man seinen Willen aufdrängen konnte. Vielleicht war es sogar falsch, davon überhaupt als Schöpfung zu denken. Vielleicht waren sie es, die die Schöpfung waren, und das Universum spielte sie gegeneinander aus … | … [Tiamat] … es war klar, dass das – Pardon: du – früher oder später passieren und meine Ordnung auf die Probe stellen würde. – Ordnung, welche Ordnung denn? – Genau, lachte Tiamat … | … Was will er? – die Welt. – Wozu? – sie nach seinen Vorstellungen formen? – warum? – weil ich das Einzige bin, was stimmig, schlüssig und ganz ist. – du machst keinen stimmigen, schlüssigen oder ganzen Eindruck auf mich. – … [Sie solle rauskommen damit sie sehen wer der Stärkere ist] – das ist der beste Beweis dass ich es nicht nur mit einem Ding sondern dazu noch mit einem ausgesprochen idiotischen zu tun habe: Das Universum sinnvoll zu gestalten ist keine Frage der Stärke. – sondern? – der Angemessenheit. – Das hier ist ein totales Chaos. Ich bin die Ordnung. – Du missverstehst Ordnung als autonom existierender Begriff. Aber – und Pardon, dass ich jetzt hier so dozierend werde – Chaos und Ordnung sind dialektische Begriffe. Nimm als Beispiel die Gerade und den Bogen. Man kann zwei Punkte mit einer Geraden verbinden, das ist der direkte, der kürzeste, der pragmatische Weg. Der Bogen hingegen ist nicht nur die Entscheidung für einen Bogen, er ist auch eine Entscheidung gegen den Pragmatismus der Geraden. Er ist schön, gerade weil er ein Umweg und im Grund unnötig ist. Dass muss dir einleuchten Marduk. Das Schöne ist nie – Pardon – selten pragmatisch. Das Schöne liegt im Stottern. Im Stolpern. Im Missverständnis. Im Fehlerhaften. In der Veränderung. – ach ja, und warum sollte das so sein? – weil ich das so entschieden habe, sagte Tiamat ganz einfach. … außerdem: in meinen Augen sind das – bis auf wenige Ausnahmen – Anspielung beabsichtigt – ganz runde Sachen. … |

… Marduk setzte sich und wartete. Nein. Das war nicht richtig. Denn dafür bräuchte es ja etwas, auf das man wartete. Er setzte sich und … saß da. …

| … Marduk wäre vielleicht einfach ganz Ding geworden, wenn da nicht die Gedanken gewesen wären, die ihn nicht lassen, die er nicht abschalten und mit denen er nicht, na ja, leben, konnte. Woher sie kamen, wusste er nicht, aber es waren nicht seine. Und weit schlimmer, weil elaborierter und detaillierter: Die Träume. Von Orten die er noch nie betreten hatte. Von Wesen denen er nie begegnet war. Von Bergen, von Seen, Meeren, Bäumen. Ganze Welten. Und immer wieder: ein Tier mit rotweißem Pelz … Er schloss die Augen mit dem Vorhaben sie nie wieder zu öffnen. Vielleicht waren es 100 Millionen Jahre, vielleicht auch nur wenige Sekunden. Was macht es für einen Unterschied, wenn die Zeit nicht mit den Räumen verknüpft ist? …«

(Nis-Momme Stockmann, der Fuchs)

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le guin ::: zeit wie das bücherlesen

Shevek »… also wir meinen dass die Zeit vergeht, an uns vorbeifließt. Aber was wäre, wenn wir diejenigen sind, die sich vorwärtsbewegen – von der Vergangenheit in die Zukunft … es wäre ein wenig wie das Bücherlesen … das Buch ist ganz da, gleichzeitig, zwischen den Einbänden …« Einwand, aber faktisch erleben wir alles als eine Abfolge, was soll die Theorie dann nützen? »Aber wir erleben das Universum nicht nur als Abfolge … Träumen Sie nie …? … es scheint so dass wir Zeit überhaupt nur bei Bewusstsein erleben. Ein Säugling kennt keine Zeit; er kann sich nicht von der Vergangenheit distanzieren und nicht begreifen, wie sie sich zu seiner Gegenwart verhält (→ vgl. aus der Zeit gefallen) … beim Erwachsenen funktioniert das Unbewusste noch immer so. Im Traum gibt es keine Zeit, Abfolgen gehen bunt durcheinander, und Ursache und Wirkung werden vermengt. Mythen und Legenden sind zeitlos … wenn … ein Mystiker die Verbindung zwischen seinem Verstand und seinem Unbewussten wiederherstellt, sieht er alles Werden als ein einziges Sein und versteht die ewige Wiederkehr.« Ein anderer Gast wirft ein Zitat eines alten Gelehrten ein, Tebores, achtes Jahrtausend, »das Unbewusste im Menschen ist die Entsprechung des Universums.« → vgl. das eigene innere Selbst in die Unendlichkeit des Universums projiziert, Ludwig Feuerbach, paraphrasiert

(Ursula K. le Guin, Freie Geister)

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fforde ::: neigung zu tangentialer freiheit

»es gibt keine einfache Möglichkeit um einwandfrei festzustellen ob und wieviel von dem was im Dreamspace passiert ist, real oder nur erfunden ist. … Dreamspace war ein großartiges Konzept, aber da der eigensinnige Verstand im Schlaf zu tangentialer Erfindung neigt, leider zum Scheitern verurteilt.«

»… Träume sind die einzige wahre Freiheit … der Ort an dem man wirklich man selbst sein kann: alles tun und alles sein kann. Der befreite Geist.« Frei? … und so wendet auch Charlie ein, nur wenn man die aktive Kontrolle besitzt.

(Jasper Fforde, Eiswelt)

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fforde ::: ungefähre realität

»… ich lachte laut auf. Nicht nur über die kühne Vorstellungskraft meines Geistes, sondern über die Klarheit. Wenn man so träumte, dann hatte ich bisher ein Phänomen verpasst, das beträchtliche Unterhaltung und Ablenkung bot.« die Energie die man dabei verbraucht »wenn ich das recht sah, dann war es die Sache wert. Das hier war eine neue, aufregende Realität.« … reimt sich zusammen wie die beiden Träume aus seinen jüngsten Erlebnissen entstanden waren und zusammenhängen. »die ungefähren Parameter besaß ich damit schon, und mein Verstand hatte den Rest dazugegeben und anschließend wie eine Mauer zu einem glatten Ganzen verputzt.«

(Jasper Fforde, Eiswelt)

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trisolar ::: in und aus dem schlaf

Luo Ji, Kälteschlaf, »… löste er sich selbst auf, und die schneeweiße Welt verengte sich zu einem silbernen Faden, der alles war, was in der grenzenlosen Dunkelheit von seinem Bewusstsein übrig blieb. Es war der Faden der Zeit, ein dünner, starrer Strang, der sich in beide Richtungen unendlich weit ausdehnte. Seine Seele hing an diesem Faden und glitt sanft mit konstanter Geschwindigkeit an ihm entlang, in eine ungewisse Zukunft.«

»Dunkelheit. Vor der Dunkelheit gab es nur das grenzenlose Nichts. Das Nichts war farblos und leer, Dunkelheit bedeutete immerhin Raum. Schon bald entstand Unruhe in der Dunkelheit des Raums, wie ein leichter Wind, eine Ahnung der vergehenden Zeit. Das Nichts war zeitlos, doch jetzt nahm die Zeit Gestalt an wie ein schmelzender Gletscher … kam das Licht, anfangs nur ein diffuses, helles Etwas, dann allmählich … gewann die Welt Konturen. Das wiedererwachte Bewusstsein hatte Mühe sie zu begreifen.«

(Liu Cixin, Drei Sonnen)

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montaigne–zweig ::: tiefen ausloten festhalten

»Gleichzeitig jedoch bemühte er sich als Schriftsteller darum, die Tiefen zu ergründen. »Wann immer ich mich glücklich fühle, sinne ich hierüber nach, ich schöpfe nicht nur den Schaum dieser Empfindung ab, sondern lote sie aus.« Er war so fest entschlossen einem Phänomen auf den Grund zu gehen, das per definitionem als unauslotbar galt – dem Schlaf – dass er sich von einem leidgeprüften Diener wecken ließt in der Hoffnung, einen Blick in sein zurückweichendes Unbewusstes werfen zu können. Montaigne wollte wegdämmern, gleichzeitig aber die Wirklichkeit festhalten und beobachten. Beim Schreiben war beides zugleich möglich. Selbst wenn er sich in seinen rêveries verlor, traf er insgeheim Vorkehrungen, um sie jederzeit zurückrufen zu können. Sterben lernen hieß loslassen, leben lernen hieß festhalten.«

(Sarah Bakewell, Wie soll ich leben? – oder das Leben Montaignes
in einer Frage und zwanzig Antworten)

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flašar ::: innere Lautlandschaft

»Zwei Jahre lang hatte ich mich darin geübt, das Sprechen zu verlernen. Zugegeben, es war mir nicht gelungen. Die Sprache die ich gelernt hatte durchdrang mich, und sogar wenn ich schwieg, war mein Schweigen beredt. Ich sprach innere Monologe, sprach unentwegt in die Sprachlosigkeit hinein. Der Klang meiner Stimme jedoch hatte sich in mir verfremdet. … wanderte durch eine Landschaft in der jeder Laut im Moment seines Entstehens verhallte. Der letzte Satz den ich ausgesprochen hatte, war gewesen: ich kann nicht mehr … ein vibrierender Punkt. Danach war etwas zugeschnappt. Die Anstrengung die es kosten würde, dort weiterzusprechen, wo ich aufgehört hatte, stand gegen die Sinnlosigkeit in Worte zu fassen, was sich nicht ausdrücken ließ.

… Wieder seufzte er. Diesmal leiser. Wer so seufzt, dachte ich, ist nicht nur irgendwie müde. Fühlte es mehr, als dass ich es dachte.«

(Milena Michiko Flašar, Ich nannte ihn Krawatte)

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pratchett ::: grenzen der unwissenheit erweitern

»Mit dem durchschnittlichen Menschen hingegen ist es völlig anders; rund um die Uhr denkt er über die verschiedenen Dinge nach, auf allen mentalen Ebenen. … in seinem Bewusstsein wimmelt es von Überlegungen, die an Zunge und Lippen weitergegeben werden, in die Kategorie privat und persönlich fallen, oder sich auf die Kellergewölbe des Ichs beschränken. … einem Telepathen bietet sich der menschliche Geist als ein Tollhaus dar. Er ist ein Hauptbahnhof, in dem alle Lautsprecher gleichzeitig dröhnen … Passagiere versuchen sich gegenseitig zu übertönen … Konzentrat aller UKW-Frequenzen …«

»Sie schwiegen eine Zeitlang und grübelten. … für mich sieht die ganze Sache folgendermaßen aus. … Bevor ich ihm zuhörte, ähnelte ich allen anderen. … ich war verwirrt und unsicher in bezug auf einige bestimmte Einzelheiten des Lebens an sich. Aber jetzt – Knallwinkels Miene erhellte sich – bin ich zwar immer noch verwirrt und unsicher, doch auf einer höheren Ebene. Wenigstens weiß ich nun, dass ich von den wirklichen fundamentalen und wichtigen Geheimnissen des Universums nicht die geringste Ahnung habe. … du hast völlig recht. Simon hat die Grenzen der Unwissenheit erweitert. … die beiden Männer sonnten sich in dem herrlichen Gefühl weitaus weniger zu wissen als gewöhnliche Leute, die nur von gewöhnlichen Dingen nichts wussten. … (Zwei Dienstmädchen mit Besen kommen, die Zauberer gehen, noch immer diskutierend), über die unabsehbaren Konsequenzen der Unwissenheit die Simons Genie der Welt offenbart hatte.«

(Terry Pratchett, Das Erbe des Zauberers)

vgl. Zweig, Kellergewölbe des Bewusstseins

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woolf ::: wirklicher als die Welt

»… philosophische Begriffe können jemanden ohne universitäre Ausbildung schnell hinters Licht führen. Was ist mit Wirklichkeit gemeint? Anscheinend handelt es sich um etwas sehr Launisches, sehr Unzuverlässiges … sie beleuchtet eine Gruppe Menschen in einem Zimmer und hebt eine zufällige Bemerkung hervor. Sie überwältigt einen auf dem Heimweg unter Sternen und macht die stumme Welt wirklicher als die Welt der Sprache … das ist es was von der Vergangenheit bleibt, von unserer Liebe und von unserem Hass. Der Schriftsteller, wie ich annehme, hat mehr als andere Menschen die Möglichkeit, mit dieser Wirklichkeit zu leben. Es ist seine Aufgabe, sie aufzuspüren und zu erfassen und uns anderen zugänglich zu machen … König Lear oder Emma oder Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Denn die Lektüre dieser Bücher scheint an den Sinnen eine seltsame Operation vorzunehmen, ähnlich wie beim grauen Star; hinterher nimmt man intensiver wahr, die Welt scheint von ihrer Hülle befreit und erfüllt von intensiverem Leben.«

(Virginia Woolf, ein Zimmer für sich allein)

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woolf ::: androgyner geist

»der Anblick war nicht ungewöhnlich, seltsam war die rhythmische Reihenfolge, mit der meine Einbildungskraft ihn ausgestattet hatte … [zwei Menschen die in ein Taxi steigen und davonfahren, ein Mann und eine Frau] … der Anblick zweier Menschen die die Straße entlangkamen und sich an der Ecke trafen, scheint den Geist von einem Druck zu befreien, dachte ich. … vielleicht ist es mühsam, sich das eine Geschlecht als vom anderen getrennt zu denken, wie ich es die letzten zwei Tage getan hatte. Es steht im Widerspruch zur Einheit des Geistes. Jetzt war die Mühe verschwunden und die Einheit durch den Anblick der beiden Menschen … wiederhergestellt.

… Der Geist ist auf jeden Fall ein sehr geheimnisvolles Organ … über den rein nichts bekannt ist, obwohl wir ganz und gar von ihm abhängen. Warum kommt es mir so vor als gäbe es Lügen und Widersprüche im Geistigen, so wie der Körper durch eindeutige Ursachen überlastet werden kann? … wo der Geist doch jederzeit und in jedem Moment zu einer solchen Konzentration fähig ist, dass er keinen eigenen Daseinszustand zu besitzen scheint. … [führt verschiedene Beispiele an, wohin der Geist wandern, das Denken sich wiederfinden kann, bei zwei Menschen die man beobachtet, als Teil einer Menge] … er kann durch seine Väter und seine Mütter zurückdenken … zweifellos ändert das Denken ständig seinen Fokus und rückt die Welt in unterschiedliche Perspektiven. Aber einige dieser geistigen Zustände scheinen weniger angenehm zu sein als andere, selbst wenn sie sich spontan einstellen. Um dauerhaft darin sein zu können, hält man unbewusst etwas zurück, und nach und nach wird die Verdrängung anstrengend. Aber es mag einen geistigen Zustand geben, in dem man ohne Anstrengung dauerhaft sein kann, weil nichts zurückgehalten werden muss. … [und dieser Taximoment war einer davon] … fühlte es sich an, als hätte sich der Geist, nachdem er gespalten gewesen war, in natürlicher Verschmelzung wieder zusammengefügt.

… man hat instinktiv einen tiefsitzenden wenn auch irrationalen Hang zu der Theorie, dass die Einheit von Mann und Frau zur größten Zufriedenheit führt, zum vollkommensten Glück. … die Frage auf, ob es im Geist zwei Geschlechter gibt, die den zwei Geschlechtern im Körper entsprechen, und ob auch sie verschmelzen müssen, damit man vollkommen zufrieden und glücklich ist. Und ich fuhr fort dilettantisch einen Plan der Seele zu entwerfen, wonach in jedem von uns zwei Mächte den Vorsitz haben … und im Gehirn des Mannes herrscht der Mann über die Frau, und im Gehirn der Frau die Frau über den Mann. Der normale und angenehme Daseinszustand ist der, wenn beide in Harmonie miteinander existieren … das meinte Choleridge vielleicht als er sagte, dass ein großer Geist androgyn ist.

… Vielleicht neigt ein androgyner Geist weniger als der eingeschlechtliche Geist dazu, solche Unterscheidungen zu treffen. Er meinte vielleicht, dass der androgyne Geist mitschwingt und durchlässig ist, dass er Gefühle ungehindert übermittelt, dass er von Natur aus schöpferisch ist, weiß strahlend und ungeteilt.

…glaube ich nicht dass sich Begabungen, ob sie den Geist oder den Charakter betreffen, wie Zucker oder Butter abwiegen lassen … das ganze Ausspielen des einen Geschlechts gegen das andere, der einen Qualität gegen die andere; der ganze Anspruch auf Überlegenheit und das Zuschreiben von Unterlegenheit gehört in die Grundschulphase der menschlichen Existenz, wo es Seiten gibt, und des die eine Seite nötig hat, eine andere Seite zu schlagen und es von allerhöchster Wichtigkeit ist, auf ein Podest zu treten und aus den Händen des Direktors persönlich einen hochverzierten Topf entgegenzunehmen. Werden die Menschen erwachsen, hören sie auf, an Seiten zu glauben, oder an Direktoren, oder an hochverzierte Töpfe.«

(Virginia Woolf, ein Zimmer für sich allein)

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