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flašar ::: innere Lautlandschaft

»Zwei Jahre lang hatte ich mich darin geübt, das Sprechen zu verlernen. Zugegeben, es war mir nicht gelungen. Die Sprache die ich gelernt hatte durchdrang mich, und sogar wenn ich schwieg, war mein Schweigen beredt. Ich sprach innere Monologe, sprach unentwegt in die Sprachlosigkeit hinein. Der Klang meiner Stimme jedoch hatte sich in mir verfremdet. … wanderte durch eine Landschaft in der jeder Laut im Moment seines Entstehens verhallte. Der letzte Satz den ich ausgesprochen hatte, war gewesen: ich kann nicht mehr … ein vibrierender Punkt. Danach war etwas zugeschnappt. Die Anstrengung die es kosten würde, dort weiterzusprechen, wo ich aufgehört hatte, stand gegen die Sinnlosigkeit in Worte zu fassen, was sich nicht ausdrücken ließ.

… Wieder seufzte er. Diesmal leiser. Wer so seufzt, dachte ich, ist nicht nur irgendwie müde. Fühlte es mehr, als dass ich es dachte.«

(Milena Michiko Flašar, Ich nannte ihn Krawatte)

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pratchett ::: grenzen der unwissenheit erweitern

»Mit dem durchschnittlichen Menschen hingegen ist es völlig anders; rund um die Uhr denkt er über die verschiedenen Dinge nach, auf allen mentalen Ebenen. … in seinem Bewusstsein wimmelt es von Überlegungen, die an Zunge und Lippen weitergegeben werden, in die Kategorie privat und persönlich fallen, oder sich auf die Kellergewölbe des Ichs beschränken. … einem Telepathen bietet sich der menschliche Geist als ein Tollhaus dar. Er ist ein Hauptbahnhof, in dem alle Lautsprecher gleichzeitig dröhnen … Passagiere versuchen sich gegenseitig zu übertönen … Konzentrat aller UKW-Frequenzen …«

»Sie schwiegen eine Zeitlang und grübelten. … für mich sieht die ganze Sache folgendermaßen aus. … Bevor ich ihm zuhörte, ähnelte ich allen anderen. … ich war verwirrt und unsicher in bezug auf einige bestimmte Einzelheiten des Lebens an sich. Aber jetzt – Knallwinkels Miene erhellte sich – bin ich zwar immer noch verwirrt und unsicher, doch auf einer höheren Ebene. Wenigstens weiß ich nun, dass ich von den wirklichen fundamentalen und wichtigen Geheimnissen des Universums nicht die geringste Ahnung habe. … du hast völlig recht. Simon hat die Grenzen der Unwissenheit erweitert. … die beiden Männer sonnten sich in dem herrlichen Gefühl weitaus weniger zu wissen als gewöhnliche Leute, die nur von gewöhnlichen Dingen nichts wussten. … (Zwei Dienstmädchen mit Besen kommen, die Zauberer gehen, noch immer diskutierend), über die unabsehbaren Konsequenzen der Unwissenheit die Simons Genie der Welt offenbart hatte.«

(Terry Pratchett, Das Erbe des Zauberers)

vgl. Zweig, Kellergewölbe des Bewusstseins

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woolf ::: wirklicher als die Welt

»… philosophische Begriffe können jemanden ohne universitäre Ausbildung schnell hinters Licht führen. Was ist mit Wirklichkeit gemeint? Anscheinend handelt es sich um etwas sehr Launisches, sehr Unzuverlässiges … sie beleuchtet eine Gruppe Menschen in einem Zimmer und hebt eine zufällige Bemerkung hervor. Sie überwältigt einen auf dem Heimweg unter Sternen und macht die stumme Welt wirklicher als die Welt der Sprache … das ist es was von der Vergangenheit bleibt, von unserer Liebe und von unserem Hass. Der Schriftsteller, wie ich annehme, hat mehr als andere Menschen die Möglichkeit, mit dieser Wirklichkeit zu leben. Es ist seine Aufgabe, sie aufzuspüren und zu erfassen und uns anderen zugänglich zu machen … König Lear oder Emma oder Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Denn die Lektüre dieser Bücher scheint an den Sinnen eine seltsame Operation vorzunehmen, ähnlich wie beim grauen Star; hinterher nimmt man intensiver wahr, die Welt scheint von ihrer Hülle befreit und erfüllt von intensiverem Leben.«

(Virginia Woolf, ein Zimmer für sich allein)

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woolf ::: androgyner geist

»der Anblick war nicht ungewöhnlich, seltsam war die rhythmische Reihenfolge, mit der meine Einbildungskraft ihn ausgestattet hatte … [zwei Menschen die in ein Taxi steigen und davonfahren, ein Mann und eine Frau] … der Anblick zweier Menschen die die Straße entlangkamen und sich an der Ecke trafen, scheint den Geist von einem Druck zu befreien, dachte ich. … vielleicht ist es mühsam, sich das eine Geschlecht als vom anderen getrennt zu denken, wie ich es die letzten zwei Tage getan hatte. Es steht im Widerspruch zur Einheit des Geistes. Jetzt war die Mühe verschwunden und die Einheit durch den Anblick der beiden Menschen … wiederhergestellt.

… Der Geist ist auf jeden Fall ein sehr geheimnisvolles Organ … über den rein nichts bekannt ist, obwohl wir ganz und gar von ihm abhängen. Warum kommt es mir so vor als gäbe es Lügen und Widersprüche im Geistigen, so wie der Körper durch eindeutige Ursachen überlastet werden kann? … wo der Geist doch jederzeit und in jedem Moment zu einer solchen Konzentration fähig ist, dass er keinen eigenen Daseinszustand zu besitzen scheint. … [führt verschiedene Beispiele an, wohin der Geist wandern, das Denken sich wiederfinden kann, bei zwei Menschen die man beobachtet, als Teil einer Menge] … er kann durch seine Väter und seine Mütter zurückdenken … zweifellos ändert das Denken ständig seinen Fokus und rückt die Welt in unterschiedliche Perspektiven. Aber einige dieser geistigen Zustände scheinen weniger angenehm zu sein als andere, selbst wenn sie sich spontan einstellen. Um dauerhaft darin sein zu können, hält man unbewusst etwas zurück, und nach und nach wird die Verdrängung anstrengend. Aber es mag einen geistigen Zustand geben, in dem man ohne Anstrengung dauerhaft sein kann, weil nichts zurückgehalten werden muss. … [und dieser Taximoment war einer davon] … fühlte es sich an, als hätte sich der Geist, nachdem er gespalten gewesen war, in natürlicher Verschmelzung wieder zusammengefügt.

… man hat instinktiv einen tiefsitzenden wenn auch irrationalen Hang zu der Theorie, dass die Einheit von Mann und Frau zur größten Zufriedenheit führt, zum vollkommensten Glück. … die Frage auf, ob es im Geist zwei Geschlechter gibt, die den zwei Geschlechtern im Körper entsprechen, und ob auch sie verschmelzen müssen, damit man vollkommen zufrieden und glücklich ist. Und ich fuhr fort dilettantisch einen Plan der Seele zu entwerfen, wonach in jedem von uns zwei Mächte den Vorsitz haben … und im Gehirn des Mannes herrscht der Mann über die Frau, und im Gehirn der Frau die Frau über den Mann. Der normale und angenehme Daseinszustand ist der, wenn beide in Harmonie miteinander existieren … das meinte Choleridge vielleicht als er sagte, dass ein großer Geist androgyn ist.

… Vielleicht neigt ein androgyner Geist weniger als der eingeschlechtliche Geist dazu, solche Unterscheidungen zu treffen. Er meinte vielleicht, dass der androgyne Geist mitschwingt und durchlässig ist, dass er Gefühle ungehindert übermittelt, dass er von Natur aus schöpferisch ist, weiß strahlend und ungeteilt.

…glaube ich nicht dass sich Begabungen, ob sie den Geist oder den Charakter betreffen, wie Zucker oder Butter abwiegen lassen … das ganze Ausspielen des einen Geschlechts gegen das andere, der einen Qualität gegen die andere; der ganze Anspruch auf Überlegenheit und das Zuschreiben von Unterlegenheit gehört in die Grundschulphase der menschlichen Existenz, wo es Seiten gibt, und des die eine Seite nötig hat, eine andere Seite zu schlagen und es von allerhöchster Wichtigkeit ist, auf ein Podest zu treten und aus den Händen des Direktors persönlich einen hochverzierten Topf entgegenzunehmen. Werden die Menschen erwachsen, hören sie auf, an Seiten zu glauben, oder an Direktoren, oder an hochverzierte Töpfe.«

(Virginia Woolf, ein Zimmer für sich allein)

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southern reach ::: ständiger realitätssaum

Vor Area X hatte sie nie geträumt oder sich daran erinnert. Ihr Mann fand das merkwürdig. »Wir alle leben in einem ständigen Traum, ließ ich ihn wissen, wenn wir aufwachen, dann weil irgendetwas, irgendein Ereignis, vielleicht nur eine Kleinigkeit den Saum dessen streift, was wir für die Realität gehalten haben.«

(Jeff VanderMeer, Southern Reach)

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thoreauvian ::: einverständnis des schlafes

»Indem sie die Augen schließen und schlafen – und einverstanden sind sich durch Bilder täuschen zu lassen – begründen die Menschen irgendwo ihr tägliches Leben der Routine und Gewohnheit – das jedoch auf unwirklichen Fundamenten erbaut ist.«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch II)

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knausgård ::: duskregnet – donny darko drømmeaktig

»himmelen var grå, duskregnet falt stille og nesten umerkelig … stemninge fra en drøm jeg hadde plaget meg« … en musikk tekst »… men donny darko drømmeaktig også« … i hvert fall fylle det han med stemninger fra den tiden da platen kom ut »… og så steg likesom den andre låten rett opp fra den første, jeg elsket den overgangen, noe steg opp i meg også da, og jeg slå hånden i luften flere ganger mens jeg tok noen langsomme steg rundt og rundt.«

(Karl Ove Knausgård, Min Kamp 5)

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Pessoa–de Campos ::: sich selbst vergessen

Lissabon, mit seinen Häusern, und seiner Farbenvielfalt. »Monoton in seiner Buntheit, so wie mein vieles Fühlen nur Denken provoziert … [nachts im Bett] … in der unnützen Geistesklarheit des Nicht-schlafen-Könnens … [möchte sich etwas vorstellen, doch es scheint immer wieder etwas anderes auf, weil er von Müdigkeit übermannt wird] … und mit der Müdigkeit auch ein wenig Traum … [möchte mit seiner Phantasie zu ausgedehnten Palmenhainen] … doch sehe ich, auf einer Art Innenseite meiner Lider, nur Lissabon mit seinen Häusern, ihrer Farbenvielfalt [*] … [doch, lächeln, wenn er so liegt, wirkt es in seiner Monotonie bunt]

… und da ich bin, schlafe ich ein und vergesse, dass ich existiere …« während Lissabon mit seinen farbenvielen Häusern bleibt.

(Fernando Pessoa/Àlvaro de Campos, Lissabon, in: Poesie und Prosa)

* was einem auch in Porto ohne weiteres geschehen kann

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Traumthesen ::: sich selbst verpassen

»Wir können keinen Standpunkt einnehmen, der nicht jeden anderen Standpunkt verleugnet, den wir auch hätten einnehmen können. Jeder Sonnenaufgang ist ein Traum, den wir verpassen. Durch jede Reise unseres Lebens verlieren wir genauso viel Lebenszeit, die wir gemütlich zu Hause hätten verbringen können. Erst wenn wir den fortwährenden Verlust akzeptieren, sind wir in der Lage alles andere zu akzeptieren.«

(Joseph Fink & Jeffrey Cranor, Der lächelnde Gott)

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Traumthesen ::: lyrics and dreams as poetry beyond analysis

»It’s part reality and part fantasy but I’m always in the song as a witness. [...] You know how when you dream something you can see something change into something else and it’s illogical when you examine it in the morning. [...] That’s why I’ve never analyzed the lyrics to the song. They’re beyond analysis. They’re poetry.«

(Don McLean über American Pie, nach Popsongs und ihre Hintergründe)

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Traumthesen ::: verändern, ohne Vorwarnung verschwinden, zufällig zusammensetzen & auflösen

»Fast jede Nacht unseres Lebens durchlaufen wir eine erstaunliche Metamorphose. Unser Gehirn verändert sein Verhalten und seine Bestimmung grundlegend. Es fährt unser Bewusstsein herunter. … Wir schlafen. … Träumen sei ein psychotischer Zustand … wir glauben fest daran dass wir etwas sehen, das nicht da ist. Wir akzeptieren dass Zeit, Ort und sogar Menschen sich verwandeln und ohne Vorwarnung verschwinden können. … Träume entstünden aus dem chaotischen Feuern der Neuronen und hätten, selbst wenn sie voller Emotionen sind, keine Bedeutung. Erst wenn wir aufwachen, setzt das bewusste Gehirn auf der Suche nach Bedeutung aus Einzelteilen rasch ein zufälliges Ganzes zusammen … [vs] … Träumen ist Teil eines gewachsenen Mechanismus … mit dessen Hilfe werden die umfassende Bedeutung neuer Informationen und deren künftige Nützlichkeit eingeschätzt. … im Gehirn während des REM-Schlafs nicht mehr die Regionen der Logik und Impuls-Kontrolle das Zepter führen. Die Produktion zweier Chemikalien, Serotonin und Noradrenalin, wird blockiert. Beide sind wichtige Neurotransmitter, durch die die Zellen kommunizieren. Ohne sie ist unsere Fähigkeit zu lernen und zu erinnern stark beeinträchtigt – wir befinden uns in einem chemisch veränderten Bewusstseinszustand. Doch es ist kein komagleicher Zustand wie im Tiefschlaf. Unser Gehirn ist sehr aktiv und schluckt ebensoviel Energie wie im Wachzustand. … wenn wir natürlich schlafen, also ohne Wecker, beendet der letzte Traum oft unseren Schlaf. … wenn Licht durch unsere Augenlider die Retina berührt, wir ein Signal an eine tiefe Hirnregion gesendet, den Nucleus suprachiasmaticus. Das ist bei vielen Menschen der Zeitpunkt, an dem sich der letzte Traum auflöst. Sie öffnen die Augen und befinden sich wieder im wirklichen Leben.«

(Michael Finkel, Der gute Schlaf, in: NG 18/08)

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gehirn ::: sich selbst aktivieren

»Wenn wir wach sind, ist das Gehirn voll beschäftigt – es muss diese vielen Gliedmaßen kontrollieren, ständig irgendwohin fahren, einkaufen und simsen und sprechen, Geld verdienen, Kinder erziehen.«

… na und, und mein träumendes Gehirn ist wohl nicht voll beschäftigt?

»Doch wenn wir schlafen und in die REM-Phasen eintreten, kann dieses raffinierteste und komplexeste Werkzeug der Welt endlich tun, was ihm gefällt. Das Gehirn aktiviert sich selbst. Es träumt.«

(Michael Finkel, Der gute Schlaf, in: NG 18/08)

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Traumthesen ::: surreales Ausfransen von Gedankenrändern

»Es geschah wenn ich schon eine Weile im Bett lag und langsam in eine Region wegdämmerte, in der die zuletzt gedachten Gedanken an den Rändern surreal werden und sich allmählich zu Bildern und ganzen Szenen formen. Stufenlos gleitet man von einem abstrakten Gedanken in ein sehr reales Erlebnis, mehr noch, in eine andere Geschichte, eine fremde Welt, auch wenn vom eigenen Bewusstsein zumindest so viel erhalten bleibt, dass einem das Traumhafte daran klar ist.«

(David Foster Wallace, die Seele ist kein Hammerwerk)

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thoreauvian & Traumthesen ::: sich selbst sehen, unterlass, traumsein

»Wir kennen uns selbst nur durch eine Art freiwillige Blindheit und ein Unterlassen des Sehens, wie wenn wir die Sterne aus den Augenwinkeln sehen. Der Entdeckung dessen, was wir sind, kommen wir in Träumen am allernächsten. … Und närrisch sind solche, die mit dieser Absicht in Spiegel blicken.«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch I)

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Traumthesen ::: das Gehirn passt sich an

»als ich aufwachte … mein Kopf war halbwegs aufgeräumt. Viele der neuen tags zuvor aus allen Richtungen auf mich einstürzenden Ideen, Ereignisse, Personen, Bilder waren verstaut worden, wie Blätter, die man aufgerollt und in Sortierfächer gesteckt hatte. Wirklich erledigt war natürlich noch nichts. … doch in der Zwischenzeit hatte mein Gehirn sich verändert und auf die neue Form meiner Welt eingestellt. Ich vermute, dass wir deshalb nichts anderes tun können, während wir schlafen: das ist die Zeit in der wir am härtesten arbeiten.«

(Erasmas in: Neal Stephenson, Anathem)

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