s.n.o.w. | betrachtungsweise

»Jedes Mal, wenn eine Flocke verdunstete, dachte ich: Ihre Schönheit ist für immer dahin.«

(Wilson Bentley)

Was für ein erbaulicher Gedanke. Doch sieht man es so: »ich habe etwas gesehen, das einzigartig war!« … ist es wohl in Ordnung. Und eine Analogie auf das Leben …

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PGI | Zitatsammlung über den homo cuevo

Herr Roger betrachtet im Geiste Höhlenzeichnungen …

»In der Höhlenmalerei wurden Ursituationen zu Piktogrammen. Auch der vorzeitliche Mensch hat immer bloß die Stereotypen und Gesten aufgegriffen die gerade zeittypisch waren: der jagende, hetzende, der zum Wurf ausholende, mit der Lanze bewährte Krieger. In den Bildern ist der Mensch mythisch, für immer, in der Passform seiner Wiederholungen erstarrt.«

(Roger Willemsen, Der Knacks)

… und sinniert was aus diesem Antrieb der heutige Mensch auf seine Höhlenwände malen würde. Hockend übers Display gebeugt.

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PGI Expeditionsbericht & Trivialnotizen | España del Norte | 18. bis 28. September

Keine Postkarten! Keine Bilder.

a las cuevas — el Pendo

Tags darauf ist für den ersten Teil der Wegstrecke zu den Picos de Europa der Besuch in der tatsächlich begehbaren Höhle el Pendo geplant. T.h.e.o. wird von dem als Papá?! bezeichneten Institutsmitglied aufgefordert schonmal seine Schuhe zu holen. T.h.e.o. bringt einen seiner Gummistiefel. Das als Papá?! bezeichnete Institutsmitglied fordert ihn auf seine anderen Schuhe zu bringen. T.h.e.o. kehrt mit dem zweiten seiner Gummistiefel zurück. Das als Papá?! bezeichnete Institutsmitglied erläutert T.h.e.o. Details zu den zu bringenden Schuhen. Die Sandalen, die kleinen Schuhe sollen es sein. Schon beim Blick in das verschmitzt und nur mühsam unterdrückte Lächeln im Gesicht hätte klar sein müssen was nun kommt. T.h.e.o. kehrt mit einem der Stiefel des Abenteurers zurück, dem größten Schuhwerk das in der Ferienwohnung zur Auswahl bereit stand. Es ist als humoristische Retourkutsche und keinesfalls als Erziehung im Affekt zu werten, dass T.h.e.o. im folgenden vom als Papá?! bezeichneten Institutsmitglied in beide Stiefel des Abenteurers versenkt wird.

Wieder geht es durch die Schlechtwetter-Regen- und Nebelzone Küstenautobahn, Wolken zwischen den Erhöhungen eingeklemmt, um schließlich wieder bei gutem Wetter, und nach einer als äußerst eng und kurvig zu bezeichnenden Straße die bei zwei der auf vier geschrumpften Teilnehmergruppe (der Abenteurer ist diesmal zu Hause geblieben, felsige Höhlen und Bergmassive sind nicht gerade das was sein Interesse weckt) polternd lachende und von Hohohooo-Ausrufen begleitete Freude hervorrufen. T.h.e.o. und das als Papá?! bezeichnete Institutsmitglied amüsieren sich prächtig. Dame C. a.k.a Adlerauge Füten und die Berichterstatterin erkunden derweil die Tiefen und vor allem Abgründe menschlicher Angst- und Beklemmungszustände.

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Sprachfund ::: Bedeutung in Chomskys wütendem Grün

»Farblose grüne Ideen schlafen wütend.« (Noam Chomsky)

»Allein der Gedanke an kommendes Grün veranlasst uns im Herbst, jene schlummernden weißen Klumpen aus pflanzlicher Materie zu kaufen, die von einer braunen pergamentenen Haut umhüllt sind, und diese liebevoll einzusetzen und zu umhegen. Für mich ist es ein Wunder dass sie sich unter dieser Hülle im Inneren unsichtbar dermaßen abmühen, um uns die plötzliche Pracht von Frühlingszwiebeln zu bescheren. Während der Winter herrscht, ruht die Erde, doch diese farblosen grünen Ideen schlafen wütend.« (C.M. Street im Rahmen eines Wettbewerbs der Stanford University, Chomskys Satz Bedeutung zu verleihen, 1985)

(beide gefunden in: Daniel Everett, die größte Erfindung der Menschheit)

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Fotorunde ::: später neusee

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Traumthesen ::: aus dem Leben aufwachen

»Das Leben ist nichts als ein Traum, aus dem wir offenbar nur selten erwachen können. Seine Bedeutung entzieht sich der Sprache. Wörter verlieren ihren Sinn, wenn man sie zu lange ansieht. »Gott«. »Wissenschaft«. »Sinn«. Alles löst sich in Schweigen auf.«

(Dr. Lawrence Jacoby in: Mark Frost, das Geheimnis von Twin Peaks)

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PGI Expeditionsbericht & Trivialnotizen | España del Norte | 18. bis 28. September

Keine Postkarten! Keine Bilder.

a las cuevas — Altamira Neocave

Nach einigen Tagen der Akklimatisierung beschließen wir schließlich bereit für Abenteuer, die härtere Anforderungen an uns stellen, zu sein. Früheres Aufstehen. Weitere Autofahrten mit T.h.e.o.16m. Der Ruf nach lalaa. Und das bei spanischer Musik. Und spanische Autobahnen mit ihren oft freimütig kurzfristig von einem Schild zur benachbarten Spur springenden Ortsangaben und Richtungswechseln, sowie den subtilen Methoden zur Verringerung der Geschwindigkeit in Form von in den Straßenbelag eingelassenen Metallrillen, die ein ratternd holpriges Geräusch unter den Reifen erzeugen.

Wir brechen nachmittags nach Altamira auf. Durch ein Versehen des Sekretariats des PGI wurde unser Besuch leider nicht angekündigt, so dass uns der Zugang zur tatsächlichen Höhle nicht gewährt wurde. Wir sind trotzdem zufrieden, eindrucks- und informationsgeflutet als wir die Neocave und das angeschlossene Museum wieder verlassen. Selbst unter der Decke des Nachbaus war schon ein Teil des schwer zu erfassenden ehrfurchtsvollen Zaubers, dass diese Zeichnungen vor 16000–11000 Jahren vor Christus von den Vorfahren unserer Altvorderen angefertigt wurden, spürbar. Ein kleiner Film zeigte kurz die Maltechnik in den einzelnen Schritten. Während der Eingangsfilm erstes Interesse über die historische Begebenheit der Entdeckung selbst weckte. Den nachfolgenden Wettlauf um die Entdeckung aller Höhlen mit steinzeitlichen Kunstzeugnissen. Die Besucherströme und Berichterstattung im schon ebenfalls weit zurückliegend scheinenden vergangenen Jahrhundert. Hervorzuheben ist der Fokus des Museums auf den Kunstgehalt der Zeichnungen und Malereien. Dem Museum ist auch ein Ausstellungsgebäude für zeitgenössische Kunst, die sich auf die steinzeitliche Kunst bezieht, angegliedert. Die Kunst von damals als ebenbürtige Beispiele künstlerischen Schaffens des Homo Sapiens zu den modernen Kunstwerken zu sehen, sie wissenschaftlich zu analysieren, und im Vergehen der Jahrtausende bis zu den neueren Malereien eine Abstrahierung der vormals sehr plastisch dargestellten Auerochsen und anderen Wildtieren festzuhalten. Chapeau!

Andere Bereiche des Museums widmen sich der musikalischen Kultur, unter anderem dem Steinxylophon, das durch verschieden lange Stalagmiten unterschiedliche Töne erzeugen kann, oder der »portable Art«, kleinen Objekten, die Schnitzereien oder gravierte Verzierungen aufweisen.

Beim Ausgang untersucht T.h.e.o. in bemerkenswert systematischen Vorgehen die gesamte Reihe der etwa 30 bodennah angebrachten Spindtüren. Jede wird unter viel Mühe geöffnet, begutachtet, und wieder geschlossen. Hin und wieder wird versucht anstelle des Ziehens am Schlüssel eine Öffnung der Tür zu erzwingen indem die Finger in den Spalt neben der Tür gezwängt werden. Doch diese Bemühungen scheitern leider jedesmal, so dass auf die konventionelle Öffnungsmethode zurückgegriffen werden muss.

Herr Walte ruft die Theokratie aus.

Zuvor gab T.h.e.o. im Souveniershop (sehr wenige Postkarten) ein weiteres Beispiel seines speziellen Humors. Unter Beobachtung des als Papá?! bezeichneten Institutsmitglieds wurden diverse Objekte in seiner Reichweite demonstrativ befingert, und dazu mehrmals die Lautfolge »neinneinnein« von sich gegeben.

Wieder draußen kommen wir nicht umhin zuzugeben, dass die Umgebung der Höhle selbst uns unerwartet getroffen hat. Flache Grashänge. Kaum Fels. Kaum Bäume. Und selbst wenn man sie sich in der Phantasie dazu denkt. Alles sehr offen. Und weit. Weit entfernt von der Vorstellung des Geländes um die Höhle die wir uns gemacht hatten … unter dem zeitentrücktem Klang von bimmelnden Kuhglocken, der von benachbarten Hügeln herüberweht, verlassen wir Altamira, nicht ohne noch einen wehmütig linsenden Blick durch ein Loch in der Holztür, die den Zugang zur echten Höhle verbarrikadiert, geworfen zu haben.

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… auf der Rückfahrt verwackeltes Bild das die famose Stimmung auf der Rückbank zeigt. Es wird geklatscht und geschunkelt, es wird alles getan, um T.h.e.o. bei Laune und wach zu halten…

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Fotorunde ::: be cossi — greetings from october

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thoreauvian | m.o.n.d. ::: anbellen, wer nicht?

»Wer möchte nicht Hund sein und den Mond anbellen?«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch I)

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thoreauvian ::: ach Thoreau … auch Du?

»Ich fühle mich nie inspiriert wenn es mein Körper nicht auch ist. Auch er verschmäht ein fades Leben der Alltäglichkeit. Es ist ein Irrtum zu glauben, man könne mit dem Geist streben und den Körper in Wohlleben und Faulheit daniederliegen lassen. Der Körper ist der erste Proselyt, den die Seele macht.«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch I)

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PGI Expeditionsbericht & Trivialnotizen | España del Norte | 18. bis 28. September

Keine Postkarten! Keine Bilder.

Aufregende nächtliche Beobachtung am Reiherfelsen

Nächtlicher Spaziergang mit dem Institutsleiter am Meer. Wasser wohltemperiert. Werden Zeugen eines ungewöhnlichen Hubschrauberschwebens über einem der Meeresfelsen. Zücken die Ferngläser. Ich werde gewahr wie hinter dem Felsen schräg nach links oben eine weißlich wabernde Säule aufsteigt. Weise Kollegen fragend darauf hin. Und in dem Moment erkenne ich es, und gleichzeitig bricht die Rauchsäule in einem wilden Flügelrausch in die Weite auseinander. Es ist die gesamte Reiherkolonie (vor allem Kuhreiher, Bubulcus ibis, vereinzelt auch darin verirrte Seidenreiher, Egretta garzetta, und hin und wieder eingestreute Kormorane, Phalacrocoracidae) des Felsens die vom Hubschrauber aufgeschreckt nun in auseinderstrebenden und sich wieder zusammenziehenden Schwarmwolken über den Nachthimmel kreist. Ein beeindruckendes Schauspiel, auch wenn die nächtliche Ruhestörung per se natürlich zu missbilligen ist.

Weitere Beobachtung des Hubschraubers zeigt ein Herablassen erst einer orangenen Person, dann einer Zweiten, und dann das Hinaufziehen beider. Eine Seenotrettungsübung. Auch wenn die während des Fortgangs der Beobachtung angestellten Mutmaßungen weitaus aufregender, geheimnisvoller und beängstigender waren, sind wir vom Gesehenen sehr aufgewühlt. Was für eine Beobachtung!

Weiter gen Westen zum Strandende, überqueren über einen enggestrüppumsäumten Sandpfad den grillenzirpenden Hügel, und blicken zur nächsten Bucht. Über das Zirpen erhebt sich ein höheres lauteres, klareres Geräusch, (nach heimischer Recherche im Vogelstimmenbuch wird der Bergpieper (Anthus Spinoletta) als Verursacher dieses Zirpens in Betracht gezogen, der ab Spätherbst auch im Tiefland … äh; Strandpieper (Anthus petrosus) wäre hinsichtlich des Habitats wahrscheinlicher, zu ihm finden sich aber keine ähnlich zirpenden Klangproben). Auf dem Rückweg entdeckt der Institutsleiter eine neue Spezies, mutmaßlich etwas quallenartiges, weißleichtrosaschimmerndes, das sich in der Brandung leicht bewegt. Nähere Untersuchung enthüllt dass es sich um eine halbe Zwiebel (Allium cepa) handelt.

Forscherglücklich kehren wir zu unseren Kollegen und dem galizischen Kräuterlikör (Ruavieja Licor de Hierbas) ins Basislager zurück.

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A Dead Forest Index | 5.11.16 | Akko

»brit pop mit sphärischen Einschlägen die sich zu Hymnen aufschwingen« (Mlle Mate)
– a fairy tale

Zwei sehr feine kleine Musikeinheiten im sehr kleinen und feinen Akko. In den Wartezeiten erklingt Jazz und Swing. Den Hummusspeisenden wurden soeben die Klapptische entzogen, und die Bar füllt sich mit Menschenbeinen. Doppelgänger und 80er wohin man blickt. Die Musik von Gemma Thompson, sehr ruhende, meditative Weltallklänge, darin manchmal ein ferner Hauch nach wildem Westen klingender Gitarre, doch nahe an der Grenze zur Illusion, ein Stromausfall, und nach Äonen wird alles von einer Schlagzeugkomposition durchbrochen.

A Dead Forest Index. Soundcheck. Eine Stimme hebt sich über die Köpfe und so etwas wie Stille breitet sich wie eine Welle durch das von den nahen Wänden verstärkte Gesprächsrauschen aus. Es ist das Innehalten im Alltäglichen wenn für einen kurzen Moment etwas zauberhaft schönes in das Bewusstsein geflattert ist. Dieses Gefühl das in Stephen Kings Shawshank Redemption beschrieben wird. Musik die aus einer anderen Sphäre in unsere materielle Welt herüberzuklingen scheint und ein die Welt verklärendes wie verdrängendes Gefühl von Transzendenz hervorruft. Nach wenigen Momenten verebbt es, und die unterbrochene Gesprächszeit setzt wieder ein.

Da der Versuch der Beschreibung der Musik bereits unternommen wurde (Konzert Chelsea Wolfe ::: A Dead Forest Index | 8.11.15 | UT Connewitz), sollen nun im Folgenden stattdessen wirre, zusammengestückelte, sich verheddernde und wiederholend kreisende Ausführungen über das Wesen der Musik als Immanation von Sehnsucht gegeben werden.

In der Name des Windes lernt der musikalisch überaus begabte Kvothe nach einem traumatischen Erlebnis mit seinem Saiteninstrument etwas anderes als Lieder zu spielen.

»Wenn der Sonnenschein das Gras wärmt und eine Brise einen kühlt, ist das ein bestimmtes Gefühl. Ich spielte so lange, bis ich dieses Gefühl auszudrücken vermochte. Ich spielte bis es klang wie warmes Gras und eine kühle Brise. … drei Tage [brauchte ich] bis ich der Wind dreht ein Blatt zu spielen vermochte.«

»Nach zwei Monaten vermochte ich die Dinge mit eben der Leichtigkeit zu spielen, mit der ich sie sah oder empfand: die Sonne geht hinter Wolken unter, ein Vogel an der Tränke, Tau auf dem Farngestrüpp.«

Die Musik von A Dead Forest Index scheint nicht so etwas dinglich Spezifisches auszudrücken, sondern eher als ob jedes Lied Sehnsucht wäre, Sehnsucht nach der Vergangenheit, nach Zukunft, nach dem Leben während man es lebt. Diese Art von Sehnsucht die einen zufrieden, ruhig, gelassen und glücklich macht, da sie so unbestimmt ist. Oder das Ziel der Sehnsucht so erhaben, dass man es gar nicht erreichen muss, sondern sich damit begnügen kann, sich danach zu sehnen, um schon glücklich zu sein. Die Sehnsucht an sich ist schon Bestimmung. Saudade. Krause Schwermut. Oder wie es Hr. Murakami über ein Klavierstück von Franz Liszt schreibt: »die grundlose Traurigkeit die eine ländliche Idylle im Herzen eines Menschen weckt«, und man fühlt, dass er darin etwas Schönes sieht. Über die spiegelglatte metallglimmernde Grundfläche aus verzerrt ferner Gitarre und Schlagzeug wringen sich keltisch zerbrechliche Stimmlagen, weltfern. A Dead Forest Index scheinen wie die englische Entsprechung dieser symbolistischen Seelenlandschaft, ihre Musik eine allumfassende, endlose Sehnsucht. So ruft die Musik Sehnsucht nach sich selbst vor. Sehnsucht nach Sehnsucht.

Nicht unvermerkt soll bleiben, dass dem, was für die Einen die alles umfassende Leichtigkeit und Schönheit des Lebens selbst ist, von Anderen eine gewisse Düsternis attestiert wird, und zu der Frage veranlasst wo denn die ganzen Grufties wohl abgeblieben sind, die eigentlich stereotyper Weise das Konzert hätten bevölkern müssen. Die Antwort in dieser herbstdunklen Nacht ist Placebo.

»Bis zum heutigen Tag weiß ich nicht, wovon die beiden italienischen Damen
gesungen haben. Um die Wahrheit zu sagen, ich will’s auch gar nicht wissen.
Es gibt Dinge, die müssen nicht gesagt werden. Ich will annehmen dass sie von etwas
so Schönem gesungen haben, dass man es nicht in Worte fassen kann und dass es
direkt ins Herz geht. Ich sage Ihnen, diese Stimmen sind höher gestiegen, als man je
an einem so trostlosen Ort zu träumen gewagt hätte. Man hatte den Eindruck als
wäre ein wunderschöner Vogel in unseren freudlosen Käfig gefallen und hätte die Mauern
zum Einstürzen gebracht, und für den Bruchteil einer Sekunde hatte jeder hier in
Shawshank das Gefühl, frei zu sein.«

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All them Witches | 15.10.16 | White Trаsh Fast Food

Berlin, Friedrichshain. Ist ja alles in Laufweite hier. Hr. Walte weist auf den Jahrzehnte alten Müffgeruch der aus U-Bahn-Tunneln steigt hin. Warschauer Brücke zufriedenstellend noch viel großartig grauschmutziger als in der Erinnerung. Möwen kreisen über der innerstädtischen Müllkippenbrache und den aufgegebenen Gleisgeländen als wäre alles am Meer.

Der neblige Dunst hoher Luftfeuchtigkeit verstärkt sich zur erinnernden Illusion man wäre wieder in Bansin oder Porto und blickt aus dem Fenster in morgenfarblosen Himmel. Doch Berlin Friedrichshain & Kreuzberg sind selbst an grauen Regentagen bunt und Straßenzüge voller wild gepflanztem Urwald an Baumscheiben wetteifern mit Balkonen die über und über mit Grün bestückt sind. Hängende Gärten. Farbrauschbunt bemalte Hauswände, Botschaften fürs Leben und für die Gesellschaft. Kreativer Konkurrenzdruck der hippalternativen Läden ist so groß dass sie sich in einem wilden Wettbewerb immer weiter übertrumpfen, was irgendwie ganz und gar großartig ist, aber auch knapp an der introvertierten Überlastungsgrenze an verarbeitbaren Eindrücken schrammt.

Zeit in einem trist gestalteten abgeschiedenen Park desensorisch zur Ruhe zu kommen, den man sich mit vereinzelten Grüppchen von gesellig geschäftigen Menschen teilt, und sich dann im behaglich stillem Hinterzimmer des New Deli Yoga mit einer Freundin zu treffen, bevor man in die allerorts gleich vertraute beruhigende Atmosphäre eines Raumes eintaucht der voller Menschen und Musikerwartung ist. Noch vertrauter wird’s dadurch dass die Staffage des in und aufwändig zusammengezimmerten White Trash Fast Food Restaurants wie auch des Konzertraums opulent an die verrückt überladene Gestaltung der Leipziger Bimbotown erinnert. Nur ohne sich bewegende Möbel.

… mehr graubunt

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Okta Logue | 29.09.16 | Werk II

»Portugal. the Man’s deutsche Reincarnation mit Schlaghose und Rüschenhemd.«
(Hr. Walte)

In jedes Konzert trägt der Konzertbesucher etwas von sich mit hinein. So fließt ein ausgelassen entspannter Frühherbsttag am See in ein Konzert dessen Musik die Farbe von selbstgemachten Honig hat, und in einer beglückenden Aufführung von Hotel California kulminiert.

Die Bühne bevölkert sich, und der Blick wird als erstes von einer weiß leuchtenden Erscheinung in Schlaghose und Hemd in Anspruch genommen, wodurch ein unmittelbares Rockys-Gefühl auflebt. Verstärkend kontrastierend wirken die farbenlichte Ausleuchtung der Bühne und die bunten Gitarrengurtmuster. Es ist alles vorbereitet und eingestimmt um sich in eine jedweden auf dem zurückliegenden Zeitweg fassbaren Musikstil mitreißende Ausweitung legendärer Musikjahrzehnte hineinfallen zu lassen. Es schillert, glitzert, funkelt, rauscht und kracht, während man sich doch samtweich von allen Musikpartikeln eingefangen fühlt in diesem wunderbar gediegen chilligen und doch wirbelnd vorwärtstreidelnden Musikkosmos von Okta Logue.
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Fotorunde ::: be cossi — das Wasser ist gar nicht mehr so nass

Natursichtungen, diverse Hymenopterae, fliegend und summsend, ein sich wie irre abrudernder Turmfalke im Flutbecken, Herr Lampe und ich erschrecken uns gegenseitig, Schafe von weitem, Schwäne, etwas beinahe Haubentaucherartiges, diverse Enten und Blesshühner, Libellen, Baumfreunde, Hecken, Sträucher, Gräser.

Und immerzu der Wind, bis er am Nordufer Meeresstärke anfacht, pfeifend, Haar und Federn zerfleddernd, dazu das Licht, der Steg, die Blumen vor dem Wasserhintergrund leuchtend, Erinnerungen an die Insel bei Oslo und später das Wildschweingehege, an der Lauer vorbei, Zypressen, und im Wald, das Spiel von Schatten und Licht. Ein wie wundervollvoller Tag. Und selbst eine plötzlich im Sitzen herabgestiegene Anhöhe, vom Zufall erwählt, ein so schöner Ort um einfach mal kurz da sitzen zu bleiben …

… mehr See

Nachhauseweg, ein flügeliges Objekt gleitet weit oben über den imposant mit ausgefransten und gefächerten Wolkenmassen verschlierten. Nach kurzer Überlegung erkenne ich dass es ein Flugzeugvogel ist.

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