thoreauvian ::: wachstum beziffern

»Warum sollte das Gegenwärtige uns so viel aufbürden? Ich sitze jetzt auf einem Baumstumpf dessen Jahresringe Jahrhunderte des Wachstums beziffern.« … und sogar der Boden selbst besteht aus diesen Stümpfen. Sein Stock stößt viele Äonen in die Oberfläche. Das Quaken der Frösche scheint ihm älter als der Schlamm Ägyptens. Ein fernes Rebhuhn hört er auch, das auf einen Baumstamm trommelt. Als wäre es der Pulsschlag der Sommerluft.

(Henry D. Thoreau, Tagebuch II)

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Sprache ::: graue Vorzeit bis Vorstadt, zu viele Vorstellungen

»Die Sprachmaschine gestattet es so ziemlich jedem – vom prämodernen Jäger in grauer Vorzeit bis hin zu postmodernen Intellektuellen in grauer Vorstadt –, diese bedeutungslosen Laute zu einer unendlichen Vielfalt subtiler Bedeutungen zu verknüpfen, und das alles anscheinend ohne die geringste Mühe.«

Frage nach Zeitpunkt des Ich-Tarzan-Stadiums der Sprache? »vor 40000 Jahren, vor 100000 Jahren oder sogar noch früher? Davon hat unglücklicherweise kein Mensch eine Vorstellung (oder genauer gesagt, allzu viele Leute haben davon allzu viele Vorstellungen).«

(Guy Deutscher, Die Evolution der Sprache)

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dufttastfarben ::: Botanischer Garten im September

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thoreauvian ::: sich selbst wie zwirn auswerfen

»Reden ist etwas ganz eigentümliches. — Die häufigste Reaktion, wenn Männer oder Frauen zusammenkommen, ist Reden … Diese Eigentümlichkeit des Menschengeschlechts kann als erwiesen gelten …

… Ich habe es bisweilen erlebt, wie ein zielgerichtetes Schweigen bedrohliche und unangenehme Leute in die Flucht geschlagen hat. Man sitzt sinnend da, als wäre man wieder in der weiten Natur. – Das können sie nicht ertragen … so viel Menschheit ringsum gegenüber einem, der keine Verkleidung hat – nicht einmal in der Rede! …

… Manchmal erwartet mein Freund ein paar Sätze von mir … meint er habe seine Meinungen abgeliefert und nun sei ich an der Reihe …

… die Menschen tun manchmal so als könnten sie sich selbst vom Ende der Zunge als Zwirnstücke auswerfen.«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch II)

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Brutus | 17.9.19 | Naumanns

»… Brutus, wann sehen wir uns wieder?«
(2018)

Es ist durchaus warm, immer noch, im Naumanns. Die zu Beginn hinter Hr. Walte quatschenden Bewunderer schwärmen im zweiten Song pogend nach vorne, und drängen dadurch den sichtversperrenden Schrank ab. Situatives Glück. Und die Musik? So berauschend wie eh … melodisch, intensiv, trommelnd, zauberhaft, die superschnellen Melodien aus der Gitarre, der wummende Bass, und die Melodien aus der Stimme – Seligkeit leuchtet hell auf allen Gesichtern. … die schiere Energie die einen durch den Abend staunend vorantreibt und äußert zufrieden, vergnügt und berührt in die bereit stehende Bahn springen lässt!

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thoreauvian ::: unerschöpflichen Gebrauch vom Leben

»Gewöhnlich machen wir sparsamen Gebrauch vom Leben, wir haushalten mit ihm, als wäre es knapp und lassen Vorsicht walten, doch gelegentlich sehen wir, wie groß und unerschöpflich der Vorrat ist, von dem wir so knausrig nehmen. – und wir lernen dass wir nicht vorsichtig zu sein brauchen – dass wir verschwenderisch sein können, und alle Unkosten werden beglichen.«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch II)

Sechzehn Stieglitze stieben durch die Luft, und eine Zitatwelle schwemmt mich klatschblau ans Ufer, trägt mich vom Gewöhnlichen durch die Nacht das dadurch ungewöhnlich wird, und zu mondhell beschienenen Herbstklatschblattpappeln.

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Fotorunde ::: botanisieren et al. im September

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thoreauvian ::: Überdosis Fluss

»Bäume sind bloß Flüsse von Saft und Holzfasern, die aus der Atmosphäre her fließen und sich durch ihre Stämme in die Erde ergießen – während ihre Wurzeln aufwärts zur Oberfläche strömen. Und am Himmel gibt es Sternenflüsse und Milchstraßen. – Es gibt Felsflüsse an der Oberfläche …«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch II)

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Werbeliner ::: m.o.n.d. exp.

… mehr exp.

Mondnacht mit Schleierwolken und Bändern, Wind weich und noch nicht schneidend kalt. Blätter rascheln. Sachtes Anklatschen silbriger Wellen. Nachtentenquaken. Erschrockene Radnetzspinnen im Rotlicht. Eine Fledermaus vor dem Mond. Ein Igel quert unseren Weg, und mumpfelt sich ins Gebüsch. Fluchen und Murmeln über dem Einstellen der Sternenkarten. Neolithische Kunst an Bohlen. Eine kleine schwarze gemalte Spinne, ein erschrockenes Gesicht, und vor diesem, ein Netz mit sehr realer Spinne von Legionen. Eine Assel. … und genau in Richtung des Weges tanzt eine Sternschnuppe nieder, so langsam schwebend wie eine Papierlaterne, und verglüht in einem zirkularen Strahlen. Nicht dieser blitzkurze Streif am Firmament, sondern ein langgezogener Moment über den Grashügeln.

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knausgård ::: kvelden skilles detaljer

»alle lysene … bli tydligere … etter som kvelden falt … jeg var fylt med en stille jubel, det var akkurat dette jeg elsket mest av alt, det vanlige og kjente, motorvei, bensinstasjon, kafeteria, som likevel ikke var kjent, overalt var detaljer som skilte seg fra dem jeg var vant med.«

(Karl Ove Knausgård, Min Kamp 5)

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woolf ::: m.o.n.d. : klatschblau :: herbstbäume

»Die Herbstbäume leuchten im gelben Mondlicht, im Licht der Erntemonde, dem Licht das harte Arbeit milde überglänzt und glättend über Stoppeln streicht und die Welle klatschblau ans Ufer trägt …

… dann, da sie müde war, war sie, während ihr Inneres sich immer noch mit dem Meer senkte und hob, der Geschmack und der Geruch den Orte nach langer Abwesenheit an sich haben, sie gefangenhielten, die Kerzen in ihren Augen flackerten, sich selbst entglitten und untergegangen. Es war eine herrliche Nacht, sternklar; die Wellen rauschten, … der Mond überraschte sie, riesig, bleich …«

(Virginia Woolf, der Leuchturm)

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thoreauvian ::: schatten weiter in die wiesen

»Betrachtet das Phänomen des Morgens – oder des Abends – und ihr werdet sagen dass sich die Natur durch eine ewige Ausübung selbst vervollkommnet hat – Der Abend schleicht über die Felder – Die Sterne kommen, um in abgelegenen Wassern zu baden. Die Schatten der Bäume kriechen weiter und weiter in die Wiesen. Und eine Unzahl anderer Erscheinungen.«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch II)

… mehr Schatten

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Pessoa–de Campos ::: Vorabend innerer Reise – free-in

»Seit wievielen Monaten schon lebe ich das vegetative Leben des Gedankens! Tag um Tag sine linea … Ruhe, ja innere Ruhe … wie erholsam nach so vielen Reisen, körperlichen und geistigen! Welch ein Vermögen auf geschlossene Koffer zu schauen wie auf nichts! Schlummere Seele schlummere, nutze die Gelegenheit … Dir bleibt nicht viel Zeit! … es ist der Vorabend einer nie stattfindenden Reise! …«

(Fernando Pessoa/Àlvaro de Campos, Poesie und Prosa)

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Jonathan Bree | 10.09.19 | UT Connewitz

»… schon allein optisch bemerkenswert …«
(Hr. Walte, private communication)

Auf der Konzertseite des Lebens ist der Abendhimmel wunderschön blau, es ist nicht heiß, und das erst so leere UT füllt sich wie stets.

Der Vorkünstler, Ryder the Eagle, der »dirty crooner«, scheint eine Parallelinkarnation von Helge zu sein, persifliert sich mit großer Mimik durch die Schmachtfünfziger und begeistert durch Kostüm, überbetonte Tanzbewegungen und Stills. Witzig.

»… in Cowboy-Kostüm gekleidet, schmachtete zu vom iPad abgespielter Schlagermusik, warf sich in diverse dramatische Posen, tanzte expressionistisch und ekstatisch und kletterte als Höhepunkt der spektakulären Darbietung mit entblößten Oberkörper auf den Tresen der UT-Bar und sang von dort aus das Publikum an. Wellen der Irritation, Begeisterung und Fremdscham schwappten abwechselnd durchs Publikum«

Zeit für den Bree’schen Mummenschanz, seinen beiden requisiten Damen – vom weißen Hütchen bis zur Rüschenbluse piourettierend wie aus einem englischen Romantikfilm in Zeit des frühen 19. Jahrhunderts gefallen, die noch berüschte Hotpants schlagen das Zeitenrad zum High Heels-Stiefel-Look und Aerobic-Bewegungen der 60er –, Schlagzeuger und den in der Ferne dieser wabernden Zeitblase noch vage zu sehenden Gitarristen, allen das Gesicht unter weißem Tuch verborgen, Herr Bree selbst kontrastierend statuesk während er mit tiefrunder Stimme seine Welt singt, und so die Bühne in einen bizarren Schleier taucht.
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streumen ::: sich federn weben

»… war himmel, war boden, wir beide darauf, dazwischen flogen die vögel im schwarm, hoben auf, was uns festhielt, und senkten sich wieder, … wob jeder an maschen aus eigenen federn, zog seinen teil eines netztes herauf, zu schützen uns vorm fall in den himmel der dunkelgrau war, weit weg und so starr …«

(Ulrike Almut Sandig, Streumen)

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