Jahrtausendfeld ::: Skarabaeus

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aphoristische Begegnung | Niemandes Denker

Das Nachdenken über das Sein, muss auch den Einfachen unter uns, die Niemandes Dichter oder Denker sind, erlaubt sein.

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woolf ::: welle im geist

»Ein Anblick, ein Gefühl, bewirkt diese Welle im Geist; lange bevor er die dazu passenden Worte formuliert; und beim Schreiben (so mein derzeitiger Glaube) muss man dies einfangen, und zum Funktionieren bringen (was allem Anschein nach nichts mit Wörtern zu tun hat) und dann, wenn sie sich im Geist bricht und überschlägt, bewirkt sie Worte, die zu ihr passen.«

(Virginia Woolf, Brief an Vita Sackville-West in: der Leuchturm/Vorwort von Hermione Lee)

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botanik klassifizieren ::: lumpers & splitters

»Wahrscheinlich sind Sie noch nicht so oft mit einem Pflanzenführer durch die mexikanische Wüste gestreift, um zu versuchen, die dort wachsenden wilden Agaven zu identifizieren. Dieses Hobby bereitet bei weitem nicht so viel Vergnügen wie etwa das Beobachten von Vögeln, da viele Agavenarten fast nicht auseinanderzuhalten sind. Und die Agaven, die verschieden aussehen, verdienen aus biologischer Sicht nicht unbedingt, unterschiedlichen Arten zugeordnet zu werden – es handelt sich dann einfach um verschiedene Spielarten. …

Howard Scott Gentry … war weltweit die Autorität in Sachen Agaven. Als Pflanzenforscher des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums sammelte er aus vierundzwanzig Ländern Exemplare der Pflanze zusammen. Er war der Ansicht, dass Taxonomen (die manchmal Lumper oder Splitter genannt werden, je nachdem, ob sie viele Arten zusammenwerfen oder zu viele Variationen in verschiedene Arten aufspalten) im Falle der Agave zu kleine Trennungen vorgenommen hatten. … befürwortete dagegen, Agaven nach den Eigenschaften der Blüte zu klassifizieren – wenn dies auch bedeutete, dass Botaniker bis zu dreißig Jahre warten müssten, um ein Exemplar blühen zu sehen, das sie dann identifizieren könnten.«

(Amy Stewart, Botanisches Barbuch)

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Squirrels ::: Sammeln, Nüsse, Ideen

»›But this is something quite new!‹ said Mrs. Munt, who collected new ideas as a squirrel collects nuts, and was especially attracted by those that are portable.«

(E.M. Forster, Howards End)

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Fotorunde ::: Botanischer Garten im Juni

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roger ::: klarer werdendes verblassen

»Erfahrungen führen immer auch in den Bauch der Wörter. Kaum hat man gelernt, dass die Dinge mit den Jahren verblassen, beginnen sie es zu tun. Benachbart der Augenblick in dem das Glück unmöglich ist, weil es nicht dauert, »Du wirst mir fehlen!« Das heißt, du wirst nicht sein. Wir werden zurückbleiben. Auch wir werden nicht bleiben, werden im Augenblick der Fülle die Entbehrung antizipieren. Nicht als Geschmacksverstärker des Augenblicks entfaltet der Kummer die Macht, mit der Zukunft den Moment zu fluten. Die Getrennten stoßen in den Hohlraum vor, der jeder und jede auch ist, in den Hof, den sie zurücklassen werden. Die Kontur der Abwesenden verrät: die unwiederbringliche Person ist Teil einer jeden Person.

… Es ist wie wenn man in der Bahn mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzt: zwar wird jeder Gegenstand kleiner, aber er bleibt lange im Blick, und immer noch – während er schwindet und ihm Geschwindigkeit und Richtung der Bewegung seine Proportionen diktiert – kann man ihn entziffern. Denn jetzt wendet er etwas nach außen, das man, dicht dabei, nicht sieht: das Abschiedhafte.«

(Roger Willemsen, Der Knacks)

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Jimmy Eat World | 3.06.18 | Conne Island

winterliches Glitzern in frühem Sommerhoch*

Unweit zurückreichende Nostalgie, viel Menschen, viel Klima, viel Bass. Letzterer vielleicht die Feinheiten der Lieder, vor allem die Gesangslinien etwas überspülend, aber das Besondere an Jimmy Eat World dringt auch durch den Bassnebel. Die verspielte, außerordentliche, mitunter minimalistische Klarheit ihrer Kompositionen, der Klang der Saiten, Motive die abgebrochen werden, um sich kurze Zeit später, nach griffigem Gitarrentumult, wieder in veränderter Weise einzufinden, der mehrstimmige in hymnische Empathie schwingende Gesang, hereinbrechender akzentuierter, schwer eingängiger Krach und zartere Weisen die sich nicht so sehr abwechseln sondern ineinander verfädeln, verdichten, Komplexität die klingt als wäre nichts leichter, darüber gebreitet, die Weite jugendlichen Seins, popsüß romantisch, energiegeladen, übergutgelaunt, ausbrechend, emo-ptimistisches Lebensgefühl, Zuversicht zusprechend, erzieherische Maßnahmen in den Zwischengesprächen mit dem Publikum, mehr Zeit, weniger fu*** phones, es scheint niemand hier ist jemals wirklich älter geworden, schon gar nicht um gut zwanzig Jahre, die Beziehung zwischen Fan und ausgefüllte Vorbildrolle steht so solide, wie etwas nur stehen kann wenn jeder daran festhalten will, es noch einmal leben, sei es für einen Abend, so einfach, das Damals, so scheint es im Jetzt, (so leicht wurde man pathetisch, damals!), die Linien klar, der Weg nicht wichtig, sondern nur das Sein im Moment … und in all dem verschwimmend das so traurige Hear You Me. Erfahrung, Weisheit, etwas nach vorn gerichtetes Nachdenkliches das in jedem ihrer Stücke enthalten ist. All das was den Jimmy Eat World ganz eigenen Drive bestimmt, der durch ihre Stücke fließt, ihr Jizz, schweben durch den überfüllten Saal, über die in der Mitte das Saalklima ignorierende Wahnsinnigen die mit gereckten Armen wild auf und abspringen, bis an die Seitenränder. Glück und Staunen wie der eine übergroße Song immer von noch einem Weiteren gefolgt wird, eine schier endlos scheinende Kette an schimmernden Perlen. Und darin eine neue in blau gehüllte schwarzlochschwere Perle aus Postrock, deren Namen vergessen ist, doch die Hoffnung dass man sie wiederfindet besteht.

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thoreauvian ::: notizen reich an zeit und ewigkeit

»Die Ewigkeit könnte nicht mit mehr Gewissheit und Bedeutung beginnen als der Frühling. Durch diese Notiz wird die Ewigkeit des Sommers wiederhergestellt.«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch I)

»Der Mensch von heute hat keine Zeit mehr, folglich auch kein Heute mehr und kein Jetzt. … Er hat buchstäblich die Zeit verloren. Er wird in dem digitalen Kontinuum einer gesellschaftlichen Pseudozeit hin und her geschubst. So versteht er es nicht mehr, in den Tag hineinzuleben. Die Lektüre von Thoreaus Tagebuch kann unseren subjektiven Zeitsinn wieder stärken … Das Tonikum dieser Tagebuchsätze hilft gegen mentale Verwahrlosung unter dem Diktat einer digitalen All-Zeit.«

(Rainer G. Schmidt, editorische Notiz in: Henry D. Thoreau, Tagebuch I)

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Fotorunde ::: Picknick am Wegesrand, #1

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Botanik am Wegesrand ::: Amarant!

Amarant!

Eine Pflanze die nicht zuletzt aufgrund der über sie kursierenden Beschreibungen Begeisterung hervorruft.

Familie der Fuchsschwanzgewächse (Amaranthaceae). Erst Grünährigen Amarant (Amaranthus powellii) erwogen, von dem es schön heißt, er habe »lebhaft grüne« Blätter, und »Ein Exemplar entwickelt manchmal 42000 Samen« (!), womit er viele Antworten gibt.

Doch tendiere ich nun noch mehr zu Zurückgebogener Amarant (Amaranthus retroflexus), auch Zurückgekrümmter Fuchsschwanz oder Rauhaariger Amarant, schon allein weil es hier noch viel bewegenderes zu berichten gibt: »Der Name der Art — Zurückgebogener Amarant — ist wenig zutreffend. Carl von Linné, dem Erstbeschreiber, lag nach Albert Thellung nur ein in einem Topf gezogenes, deformiertes Exemplar mit zurückgebogenen Ästen vor.«

Weiter im Wortschatz »Nachts führen die Laubblätter Schlafbewegungen aus und stehen aufrecht.« sowie »Es liegt Windblütigkeit vor.«

Hierzu heißt es ausführend »Die verfestigten Fruchtstiele und Zweige ermöglichen Schleuderbewegungen im Wind: Es liegt ein Wind- und Tierstreuer vor. Die kleinen, nur 0,4 mg schweren Samen werden auch als Ballonflieger und als Körnchenflieger ausgebreitet. Eine Pflanze kann bis über 100.000 Samen produzieren. Die Samen sind langlebig und Wärmekeimer. Auch Bearbeitungsausbreitung durch Körnerfresser kommt vor. Daneben findet Schwimm- und Regentropfenausbreitung statt. Die Hauptausbreitung erfolgt in Mitteleuropa allerdings mit Garten- und Ackererde durch den Menschen.« … von all diesen fantastischen Möglichkeiten, erscheint mir die vorherrschende Ausbreitung, Erdverschleppung, durch den homo sapiens als die schnödeste.

(Zitate aus wikipedia)

… mehr Wegesrand

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thoreauvian ::: maultierpfade, milchstraße, überspannen

»altes Schrifttum … Weisheit … Gabe des Verfassens« … perlenfadendünne Handlung … »Seidenraupen« … antike Philosophie und Bewegung … Bewegung wird Anlass zum Satz … Mühsal … Erfindung des erdichteten Fortschreitens der Erzählung …

»die Handlung die sich durch und um diese Sätze schlängelt, um diese Hügelgräber in der Wüste, diese Oasen, ist so undeutlich wie eine Kamelspur zwischen Mourzuk und Dafur

… Gedanken … weit abseits wie Inselberge … alltägliches Leben … mühelos aufnehmen … zu Ketten werden … Tafelland sind … Berggipfel … gemeinsame Basis … Maultierpfad … von der Milchstraße überbrückt … sich dräuend aufeinander erheben … wechselseitig die Sonnenstrahlen reflektieren … Beweis genug für ihre gemeinsame Basis.

Das Buch sollte dort zu finden sein, wo der Satz ist.

… in solchen Fabeln wird die Handlung nicht beachtet, während der Leser von Satz zu Satz springt, wie der Wanderer von Stein zu Stein, während das Wasser unbeachtet zwischen ihnen braust.«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch I)

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Fotorunde ::: Mai im botanischen Garten

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Fotorunde ::: Südwald–See

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thoreauvian ::: meta klassifizieren

»Ich weiß nicht, inwieweit ich bei der Ordnung der Natur hilfreich bin, wenn ich eine Tatsache erkläre. Stellt es nicht einen wichtigen Teil in der Geschichte einer Blüte dar, wenn ich meinem Freund erzähle wo ich sie fand?«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch I)

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