Abay | 15.09.16 | Naumanns

Der Vorfranzose mit Sonnenbrille unterm klabauterblauem Haar betritt die Bühne im dämmrigen Saal und bittet nach der ersten Darbietung um mehr Licht, bitte, und nach der zweiten um mehr Dezibel. Herr Walte unterstellt dem ernstzunehmenden Künstler Hiroshimas Schabernack. Musikalisch werden Anlehnungen oder vielmehr Mischungen aus Grunge und Radioheadgesang zelebriert. Die Nichtsingstimme erinnert durch das weiche und sonore Timbre mit der die deutschen Wörter aussprachegenau geformt werden, und nur einen dezenten französischen Klang beilegen, überraschend und delokalisiert an Pierre Brice.

Abay beginnen mit The Queen is Dead. Das trommelwirbelnde sich weiter und weiter steigernde Schlagzeug setzt den Traum eines perfekten Konzerts in Gang. Erhaben. Spannungsgeladen. Tänzelnd. Leicht. Beschwingt. Voller Abwechslung und Kurzweil. Und dazu der sichtliche Spaß auf und vor der Bühne, nicht zuletzt angetrieben vom vierzigjährigen Jungspund Aydo Abay der während der Lieder kaum still halten kann, und während der Zwischenansagen mit tiefenentspanntem Humor seine hartnäckigsten Fans aus Blackmailzeiten sacht dirigiert.

#mein Freund das ist nett, aber weist du, ich bekomm das Bier hier umsonst, du musst mir keines ausgeben
#ich kann jetzt nicht mit dir reden, ich bin noch auf Arbeit

An diesem Punkt sei noch erwähnt, dass entgegen mancher bösartigen Nachrede Herr Aydo nicht für ein Bier käuflich ist, nein, Ken I die wird er sicher nicht spielen.

Die Musik die noch etwas nasstropfend Frisches von eben aus der Traufe Gelüpftem hat, ist eine Freude für alle die gepflegt krachenden Schall saitenlastiger Musik zu schätzen wissen. Das Schlagzeug setzt entrückende Akzente, Gitarre und Bass unterlegen weitflächig, und darüber, dazwischen und darunter leuchten die Tasten durch den Raum. Geschickt werden Keyboard-Relikte aus vergangenen Musikjahrzehnten, die zwischenzeitlich als unhörbar rangierten, eingearbeitet. Und mit diversen nicht ortbaren dazwischenflirrenden Tönen hüllt alles zusammen den Konzertsaal in eine dichte Klangsphäre.

Bisweilen klingt der Sound von Blackmail an, doch ist das nur ein Bestandteil von vielen aus denen sich die Klangwelt von Abay zusammensetzt. Same same but different von Blackmail wird eingeflochten, und das Scootermedley beglückt, kantiger als im Musikvideo gespielt, die Zugabe. A Boat entführt im minimalen Arrangement aus Stimme und Klavier in eine melancholische Welt die filmfantasieverfremdet an die 20er-Jahre in nächtlichen Großstadtgassen denken lässt und durch den Nebel der Zeit treibt. In Abay sind soviele Strömungen zu entdecken, dass sie für alle Bands stehen, die Musik immer weiter, tiefer, dichter und schöner werden lassen.

Noch im letzten Zugabelied, verlässt Herr Aydo als erstes die Bühne, vielleicht um den Blick auf die anderen Mitglieder der weiterspielenden Band freizugeben, und wie wunderbar vollkommen vollständig sie als Gesamtes klingen.

Kommentare
  1. The Passage » Abay | 25.10.18 | Werk II · November 4, 2018 @ 20:24

    [...] Raumfüllend, Musik die in die Weite geht, ganz nach oben fliegt, und in das Selbst. Und in die konzertgelebte Erinnerung, ins Naumanns. Andere zerstören Songs bisweilen mit Gitarreneinschlägen und Schlagzeugrauschen, [...]

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