Mogwai | 2.11.17 | Täubchenthal

… ein möglicher Eintrag ins dictionary of obscure sorrows: mogwai: moments that are quiet, humble, thoughtful, touching, lucid, precise, full of melancholy, light, darkness, energy, mind drifting, soulful, blowing, thundering … all and everything at the same time. Their beauty is overpowering your self, the you vanishes in these moments. … that is mogwai

Das fürsorgliche Angebot des Täubchenthals bereits ab achtzehn dreißig Einlass zu gewähren, um lange Einlasswartezeiten zu minimieren, scheint in der winterzeitdunklen Nacht die niedrig über der weiten backstein- und holzwandumsäumten Teerfläche liegt, von vielen nicht wahrgenommen worden zu sein. Eine Warteschlange schlendert und trippelt gemütlich und in gelassen erwartungsfroher Stimmung dem Eingang zu. Innen der Geruch diverser auf niedriger Stufe Atmosphäre generierender Nebelmaschinen und ein hauchfeines Partikelwabern in der Luft durch das viele Menschen ihre Spuren ziehen. Zur Bar, zur Garderobe, Platz suchen unten, linke Bühnenseite, rechte Bühnenseite, Mitte scheint bereits undurchdringlich, nach oben, Klangcheck, nach unten nochmal vergleichen, wieder nach oben, eine glückliche Spannung liegt im Raum.

Von der Balustrade blickt man direkt ins Misch- und Lichtpultareal, wie in das Cockpit eines Raumschiffs. Und wenn man seitlich genug steht wird auch später nur hin und wieder Stuart Braithwaites Kopf durch die von einem der Leuchtstoffröhrenleuchter herabhängende Discokugel ersetzt, weiterhin ist der Blick auf das Bühnengeschehen frei. Hier oben ist die Welt in geringerer Menschendichte aufgestellt, und der Blick in den ausverkauften Saal kann entspannt aufgenommen werden. Mehrfach werden Roadies auf die Bühne entsandt um die Instrumente wieder und nochmals zu stimmen. Dass die Band noch ein Fußballspiel ansehen würde, und daher ihre Gehilfen immer wieder erneut auf die Bühne sendet, so dass das Publikum den Eindruck habe, es gehe voran, halte ich für eine nicht haltbare Unterstellung.

Mogwai betreten die Bühne, das Konzert setzt mit den vereinzelten und ruhigen Klängen von I’m Jim Morrison, I’m dead ein, die bereits die ansteigende Entladung des Stücks und die hindurchkreiselnde und tänzelnde Melodie in sich enthalten. Es ist wie ein Schweresog, der Aufmerksamkeit und Bewusstsein zur Bühne zieht. Das Konzert wird sich so viel näher und wunderbarer an den »Burning«-Aufnahmen bewegt haben als das damals im Werk II. Epische Geborgenheit … und zwei sehr dekorative Papierlampionquader. Diese stehen zweimeterhoch und begrenzen den Bühnenhintergrund diagonal. Sechs waagrechte Segmente sind einzeln ausleuchtbar, und werden mal in sanft grünen oder blauen Pastell ausgeleuchtet, dann in harten schnell mit der Musik wechselnden stroboskopisch flirrenden knalligen Farben. Zusammen mit dem bisschen Nebel der im Saal herrscht, und einzelnen dünnen Lichtstreifen die sich wie Wellenmuster über die Bühne ausbreiten als wäre sie unter Wasser, ergeben sie eine wunderschön wie schwebende visuelle Komponente des mogwai, während das Set aus nahezu allen Alben vor und zurück durch die Zeit durchspielt wird und dadurch besonders entzückt.

Remurdered von den Rave Tapes live zu hören ist bombastisch mitreißend, ein beatfettes, trommelndes, jump&run-irres Ungetüm von einem Song, von den Lichtschirmen in pulsierendes Rot getuncht. Die eigentlich noch unvertrauteren Stücke der Every Country’s Sun fügen sich anschmiegsam und geradezu kuschelig ein, jedes einzelne Stück scheint durch das Zusammenwirken von Stücken aus anderen Zeiten noch mehr poliert zu glänzen. Doch egal in welche musikalische Richtung die Musik greift, die Persönlichkeit von Mogwai durchdringt sie alle unverkennbar. Sie liegt im Klang, dem Drive, der zufriedenen Wehmut, im Glück des vollkommenen Aufgehens in Musik. Hr. Walte freut sich besonders über Helicon, seine Begleitung hängt gebannt an den Tasten bei Auto Rock, während sie feststellt dass die in die Höhen davongleitende Melodie entgegen des how-to-play-Videos und auch der Studioaufnahme nicht von dem Tasten mitgeführt, sondern von den Gitarren schwirrend getragen wird, während sich die Tasten dafür immer tiefer federnd energisch in den Bass graben. Zwischen den Tasten und Saiteninstrumenten vollzieht sich ein beständiger Wechsel, so dass man eben noch von Synth und Piano gefangen, sich plötzlich einer Klangwand aus vier wild durcheinander schrammenden und Klangberge über Gebirge über sich aufhäufenden Saiteninstrumenten gegenüber sieht, die in übermütig durcheinanderpreschenden Jagd eine gemeinsame Melodie verfolgen.

Jedes einzelne Stück scheint wie ein ganzes Leben, mit all seiner Zartheit, Melancholie, Freude, Energie und Wildheit. Der Wechsel zwischen sehr leisen Momenten, aus denen sich in unvergleichlicher Mogwaiweise die dröhnend, flirrend, zerrend durchdringenden Passagen aufbauen, in denen die tragende und zarte Schönheit der Grundmelodien irgendwie immer noch enthalten scheint, als Erinnerung oder real, es verschwimmt. Man ist in der Musik wie in einem Traum. Die Tasten sind meist sehr distinkt zu hören, gehen in Party in the Dark vollkommen eigene Wege, und die Ohren fallen nicht ab. Es ist eine endlose und berauschende Aneinanderreihung besonderer Klangmomente.

In guter Musik hört der Mensch vor allem in sich selbst*. Das Gefühl sich vollständig in dieser Musik aufzulösen, in Endorphinen zu schweben, zu dieser Musik zu werden, ein kurzer Moment in der Ewigkeit. Oder auch einer Verwandlung, wie durch die Musterschieber in Alastair Reynolds Unendlichkeit. Etwas von ihr sickert ins Innerste, und es bleibt unergründlich, was genau da eigentlich mit einem geschieht. Unergründlich, wo man diesen Zauber als Künstler finden und wie man ihn hörbar machen kann.

… es ist alles so ergreifend!

Die letzte Zugabe. Mogwai Fear Satan. Der Geist greift in angespannter Konzentration voraus, und wird nicht erschrecken. Er wird nicht erschrecken! Mit ausgebreiteter Bereitschaft lässt er den Moment über sich hinwegschwappen wie eine Welle. Aber was für ein gewaltiger Einsatz, wie fegt und wirbelt diese Sequenz alles durcheinander. Und die perlmuttsilbern schimmernden Leuchtschirme werden von Licht durchzuckt und wild durchflimmert. So wie das Selbst von der Musik.

Auf dem Nachhauseweg und durch die nächsten Tage. Ein Konzert klingt im Herzen.

* Proust/Buch

noch Kommentarlos
Kommentar schreiben:

Der Kommentar muss möglicherweise erst freigeschaltet werden, bevor er hier erscheint ...