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mars ::: nicht nachvollziehbare Markierungen

eine lange Reise, sieht sein Lesegerät durch, sehr lange nicht darin gelesen, »er hatte sich in jenen Tagen offenbar für Nietzsche interessiert. Ungefähr die Hälfte der markierten Stellen waren Nietzsche-Zitate. Als Frank sie durchsah konnte er nicht nachvollziehen, weshalb er sie markiert hatte. Es war alles windiges Gefasel. …«

(Kim Stanley Robinson, Roter Mars)

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mars ::: neue taxonomien, areophyten

»eine ganze Taxonomie neuer Lebensformen, alle partiell der Marsoberfläche angepasst …«

(Kim Stanley Robinson, Roter Mars)

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mars ::: mythologische linsen

»der Mars war leer, ehe wir kamen. Das soll nicht heißen dort wäre niemals etwas geschehen.« … Beschreibung von landschaftbildenden Vorgängen. Gewaltige geologische, besser: areologische, Besonderheiten der Oberfläche … »aber all das war in mineralischer Bewusstseinslosigkeit geschehen und wurde von niemandem beobachtet. Es gab keine Zeugen – mit Ausnahme von uns, die wir von dem benachbarten Planeten aus zuschauten, und das erst im letzten Moment seiner langen Geschichte. Wir sind das ganze Bewusstsein das der Planet je besaß.« … Bedeutung des Mars für die Menschheit, ein Stern der sich nicht wie andere bewegt, als wollte er etwas mitteilen. Erste Bezeichnungen für ihn … Nirgal, Mangala, Auqakuh, Harmakhis … »Sie klingen so als wären sie noch älter als die uralten Sprachen in denen sie vorkommen, als wären es fossile Wörter aus der Eiszeit oder noch früher.« … weiter in der Beobachtung, Teleskope, die Geschichte mit den Kanälen, die Sonden Mariner und Viking, »und so entfaltete sich vor unseren Augen eine neue Welt, eine Welt die niemand auch nur erahnt hatte.« … Beweise für Leben hat man nie gefunden, aber es sind Geschichten aufgeblüht um diese Lücke zu füllen … »genauso wie zu Lowells oder Homers Zeiten oder der der Höhlenmenschen und Bewohnern der Savannen.« … Geschichten von Mikrofossilien die durch unsere Bioorganismen vernichtet wurden. Erste Andeutungen zum großen Mann, und die kleinen roten Männchen. »Diese Geschichten werden erzählt, um einen lebenden Mars zu schaffen oder ihn wieder mit Leben zu erfüllen. Denn wir sind immer noch die Wesen, die die Eiszeit überlebt haben, die voll Staunen zum Nachthimmel aufgeschaut und sich Geschichten erzählt haben. Und der Mars hat nie aufgehört das zu sein, was er für uns von Anbeginn an gewesen ist – ein großes Zeichen, ein großes Symbol, eine große Macht. Und so sind wir hierhergekommen. Er war eine Macht, jetzt ist er ein Ort.« → setzt die Mythen der frühen Menschheit nivellierend in Kontext zu den Mythen unserer moderneren Menschheit, nivellierend hinsichtlich Überlegenheit, wir haben uns eigentlich nie verändert. Das was uns bewegt und bestimmt, wie wir Dinge versuchen zu erfassen und zu lenken und in einen größeren Sinn einzubinden indem wir Geschichten erzählen. → die Themen des Romans klingen alle an, Mythen, Gesellschaft, Geschichte, Wissenschaft …

… Und John steht da und behauptet sie wären hierhergekommen um was neues zu tun, und hätten alle irdischen Differenzen beigelegt. Denn in der neuen Welt wären sie irrelevant. »Ja, er meinte das alles wörtlich. Seine Version vom Mars war eine Linse, die alles verzerrte was er sah, wie eine Art Religion.« → wie jeder für alles eine Linse anwendet

(Kim Stanley Robinson, Roter Mars)

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knausgård ::: strutse-taktikken

»det har tre leveregler: kommer det et kosteskraft som er høyere enn meg, står jeg stille. Blir jeg truet, stikker jeg hodet i sanden. Setter noen en sekk over hodet mitt, tror jeg verden forsvinner og at jeg ikke lenger finnes – det er jo dine leveregler du snakker om – ja. Hvorfor tror du jeg nevner det? Men det er fascinerende også, er det ikke? Den er en så gammel skapning. Den har jo ikke bruk for noen større hjerne, den har alltid klart seg bra. – dine fascinasjoner kan du ha for deg selv. – … men når det gjelder deg, har du ikke mye glede av strutse-taktikken din lenger. Du blir jo sett overalt nå når boken din kommer. Du kommer til å bli en struts uten sand.«

(Karl Ove Knausgård, Min Kamp 6)

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southern reach ::: dinge in schatten aus licht

… Gespräch mit Cheney, hat ihn gefragt ob er manchmal komische Dinge in Southern Reach gesehen hätte. »Genau, es sind die hohen Decken nicht wahr? Führt dazu dass man Dinge sieht, die nicht da sind. Führt dazu dass die Dinge die man sieht wie andere Dinge aussehen. Ein Vogel kann eine Fledermaus sein. Eine Fledermaus kann eine schwebende Plastiktüte sein. Der Lauf der Dinge. Dinge sehen aus wie andere Dinge. Vogel-Blätter. Fledermaus-Vögel. Schatten aus Licht. Identische Klänge die aber bedeutungsvoller erscheinen. Scheinen nie verschieden zu sein, wohin auch immer man kommt.«

(Jeff VanderMeer, Southern Reach II)

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southern reach ::: kormorane, schattierungen

»Aber sosehr sich der Raum in solchen Momenten zu weiten schien, da waren nur Möwen und Pelikane, Kormorane und, hoch oben, etwas, das vielleicht ein Albatros sein mochte. Nur die kabbeligen Wellen und ein weit entferntes Nebelhorn und die matten Konturen von näheren und entfernteren Booten.« … die Landschaft immer kälter und karger, fühlt sich wie eine Befreiung, als wäre Area X »nichts anderes als ein Klima, eine Vegetationsart, ein schlichtes Terroir, obwohl er wusste dass das nicht stimmte. So viele Grautöne und -schattierungen – das Grau das vom Himmel strahlte, ein ständiges und endloses Grau, und völlig lautlos. Das gefleckte matte Grau des Wassers, vor dem Regen, gebrochen von den Kringeln der kleinen Welle, das Grau des Regens selbst, die Stacheln und das Kräuseln auf der Oberfläche des Ozeans. Das Silbergrau der richtigen Wellen weiter draußen … das Grau von etwas Großem und Schwerfälligem das unter ihm hindurchschwamm und das Boot anzuheben schien, als er versuchte, es in diesen Momenten still und motorlos gleiten zu lassen, sodass er den Atem anhielt; das Leben zu nah am Traum, um wieder auszuatmen. Er verstand warum die Biologin an diesem Teil der Welt Gefallen fand, wie man sich hier auf Hunderte Arten verlieren konnte. Wie man hier sogar ein ganz anderer werden konnte, als den man sich sah. Während der Stunden der Suche kamen seine Gedanken zur Ruhe. Die verzweifelte Sucht zu analysieren, den Tag und die Woche zu atomisieren, fiel von ihm ab …« … wie man sich in allen Landschaften verlieren kann

(Jeff VanderMeer, Southern Reach II)

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satz ::: modell sitzen

… Modell sitzen für die Büste von Rodin. »ich könnte jetzt im Wald sitzen und komponieren. Oder im Kaffeehaus und denken.«

(Robert Seethaler, der letzte Satz)

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thoreauvian ::: sich selbst überfluten

»unsere entzückten Zustände die so geringe Frucht zu erbringen scheinen, haben zumindest folgenden Wert: Mögen wir auch in den Zeiten wenn unser Genius herrscht, keine Kraft zum Ausdruck haben, so kommt doch in den ruhigeren Zeiten, wenn unser Talent aktiv ist, die Erinnerung an diese seltenen Stimmungen um unser Bild zu färben, und ist sozusagen der beständige Farbtopf, in den wir unseren Pinsel tauchen. … nähern uns unweigerlich einer Erfahrung unendlicher Schönheit die uns befähigt stets getreulich zu übertreiben. … Augenblicke der Eingebung sind nicht verloren … ihre Wahrheit schlägt sich nieder und in kühleren Augenblicken können wir sie als Farbe benutzen …« (die Metapher schwemmt ihn davon) » … wenn der Augenblick kommt verleihen sie dem Schriftsteller einen gewissen Überfluss an Reichtum und bewirken dass sein Ausdruck sich selbst überflutet.« (sagte ichs nicht?)

(Henry D. Thoreau, Tagebuch III)

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mars ::: schwarz/weiß, schneefarben

»der Schnee machte jede Nacht schimmernd und unruhig … es schneite. Obwohl es noch früh am Morgen war, war es schon trübe. Wind peitschte durch das Chaos und wirbelte die Nebelschwaden über das zerklüftete Land … Landschaft war in eine Million kleiner Klippen, Löcher, Mesas, Grate und Piks aufgebrochen … alles wirbelt in Sicht und wieder fort, wenn Ballen und Schleier aus Schnee vorbeigetrieben wurden. Dann hörte der Schneefall auf. Der Wind legte sich. Die schwarzen Vertikalen und weißen Horizontalen gaben der Welt ein ungewöhnliches Aussehen, und die Landschaft glühte als ob Licht durch den Schnee auf die Unterseiten der dunklen niedrigen Wolken strömen würde. Alles war scharf und deutlich, wie in Glas gefasst. … Wolken im Westen schimmerten wie Perlmutt, das einzige Anzeichen an diesem trüben Tag dafür, dass die Sonne sich senkte … hinter den Wolken war die Sonne untergegangen und das Licht entschwand aus dem leeren Land.«

(Kim Stanley Robinson, Roter Mars)

… nicht lange her & hin

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fuchs ::: diffusion, maßstäbe, ruhe

»… die Mathematik – und das ist schließlich der Maßstab (denn so steht es in den Direktiven) – unterscheidet nicht zwischen »ein wenig unordentlich« und »sehr unordentlich« … seine Gedanken werden mutlos und philosophisch. Bohrend und philosophisch. Dunkel und philosophisch. Beziehungsweise: Eigentlich nicht sonderlich philosophisch. Eher und nur wie bei jedem seiner Artgenossen und Kollegen: in ihrer Verstiegenheit trist. Beziehungsweise: durch ihre Kompromisslosigkeit tragisch. Beziehungsweise: tragisch würde ja heißen, dass man durch seine Bemühungen sein eigentliches Ziel untergräbt. Aber das ist hier nicht der Fall. Der Agent und sein Ziel sind deckungsgleich …

… Beziehungsweise, das denkt er natürlich alles nicht. Er denkt gar nichts. Diese Gedanken schweben ihm aber vielleicht über der Gehirnhaut, wie ein niemals endender, weil niemals richtig ausbrechender Schauer. Etwas das viel älter ist als sein uraltes Gehirn … ein ich hinter dem ich. Eine Sehnsucht. … dieses Gefühl niemals einen rettenden Ort zu erreichen – da im eigenen Inneren. Und trotzdem niemals aufhören zu können, danach zu suchen … dieses Gefühl ist identitätsstiftend … im All irrend wie ein Mensch im Wald bei Nacht.

Kurze Diffusion … ein sehnsuchtsvoller Gedanke … der Nullpunkt – die ideale Prosa der Wirklichkeit. Keine Entropie, denkt er vielleicht … und ein religiöser Schauer überkommt ihn. … es gibt ihn: den Moment absoluter Ruhe. An dem das Universum monolithisch wird. Der Ort an dem die Sprache des Universum klar und eindeutig ist. An dem die Waage austariert ist. Die Sehnsucht der Trilliarden Agenten die täglich in der Achsenzone mit einer ungestalten und chaotischen Welt zu kämpfen haben …«

(Nis-Momme Stockmann, der Fuchs)

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satz ::: im Raum schwingen

»… mit einem leisen Staunen dachte Mahler an diese Zeit. Wie jung er damals war. Es kam ihm vor, als läge das alles ein Leben lag zurück. Man schlägt einen Ton an, und der schwingt dann weiter im Raum. Und trägt doch schon das Ende in sich.«

(Robert Seethaler, der letzte Satz)

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fuchs ::: tiamat ark alpha

Beginn des Mythologiebogens, rund um Tiamat, Abzu und Marduk. Und während all der immer wiederkehrenden Seiten rätsele ich, …

»Tiamat betrachtete sorgenvoll die Weltachse … im eigentlichen Sinn keine Achse, sondern ein Baum, auch wenn man nicht von einem Baum sprechen konnte, sondern von dem Baum, – denn er war der einzige. … | … [Alles was sie ersinnt, teils gegen ihren Willen in fiebrigen Träumen, sammelt sich in dichten Clustern um den Baum, und kreist darum. Daher der Begriff Achse.] … | … Besonders zufrieden war Tiamat mit ihrem Einfall das Konzept des Seins grundsätzlich zu reformieren. Denn Tiamat die schon immer war und immer sein würde, wollte jedem Ding Anfang, Mitte und Ende verordnen, nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich … da sich die meisten Phänomene mit denen sie zu schaffen hatte durch dieses Prinzip auf weniger als neun Dimensionen reduzierte, war es ihr als höherdimensionales Wesen möglich, selbst komplexe Phänomene übersichtlich zu betrachten und komfortabel zu bearbeiten. … | … [außerdem Hinweis dass so der Kosmos weniger zurümpelt, und die Urgöttin den Überblick behalten kann. Der einzige Grund dafür.] … | … das endliche Sein, das war ein radikales Konzept und sie war einigermaßen stolz … |… [Rolle Abzus, hilfreich, verspielte Ideen.] … | … [Aufbau von Momenten, Zeit und Dauer. Abzu erklärt] wenn zwischen zwei definierten Zeitpunkten eine unendliche Anzahl von Momenten liegt, wie kommen wir dann jemals von einem Moment zum anderen? – Tiamat überlegte, Gut – dann verbinden wir die Punkte mit einer endlichen Anzahl von Punkten. Und zwei Zeitpunkte mit einer endlichen Anzahl von Momenten. – Abzu erwiderte noch leiser. Aber, verehrte Tiamat, dann wären sie ja nicht verbunden … Ich … ähm … und Tiamat konnte nicht anders als es Fragment zu belassen. … [die Götter selbst scheitern an manchen Grundfragen, und lassen es deshalb einfach verworren und verwaschen, es ist eine naheliegende Erklärung] … | … es war passiert, die Struktur des Universums war für sie alleine nicht mehr zu durchdringen. Wann war alles so komplex geworden? … | … schau dir den Weltenbaum an. Er lässt sich nicht versprachlichen. Wirklichkeit, vor allem göttliche, darf nicht durch abstrakte Bezeichnungen wiederzugeben sein. Man darf sich ihnen durch sie nähern. Ja – das ist wichtig und sinnvoll. Aber die Sprache muss an dem Göttlichen scheitern, an der Grenze dazu stehen bleiben, seinen Raum nicht betreten. … | … [Tiamat soll sich nicht als Linie denken, denn das wäre zu abstrakt und begreifbar, lieber ein länglicher Körper, mit Anfang und Ende,] diese Distanz zwischen Idee und Phänomen ist die Unerreichbarkeit deiner Größe … und ein Leib von solcher Länge, dass er das ganze Universum umschlingt. Es als solches abgrenzt und markiert. Und jetzt kommt der Clou … wenn sich das Ding mit einem Anfang und einem Ende zu einem Kreis zusammenlegte – dann ist es ein Ding ohne Anfang und Ende. Was deine ursprüngliche und eigentliche Gestalt symbolisiert: die Ewigkeit. … das ist die logische Form. … Tiamat nickt nachdenklich. Wann hatte Abzu sich das alles einfallen lassen. Sie fragte sich ob ihm dazu auch schon ein lustiger Begriff eingefallen sei. Wie aus der Pistole geschossen antwortete er: Schlange, und grinste breit. Zum ersten Mal hatte es etwas Schmieriges. Tiamat lächelte seufzend und sagte: Meinetwegen: Schlange … | … [nun also Arbeitsteilung, und Tiamat fühlt sich tatsächlich entlastet, sie gebar und schirmte den Kosmos ab, und Abzu sortiert, selektiert und benennt. Während Tiamat sich] für die Dauer eines Schläfchens zurücksinken ließ in die Ewigkeit aus der sie gekommen war (was sehr oft geschah, denn sie war sehr müde in letzter Zeit. Gott weiß warum). … [hier klingt es sehr so, als wäre die Idee Abzu wäre der christliche Gott. Gedanke genial reizvoll, dieser Gott von der Schlange hervorgebracht, die den Gläubigen nur in einer kleinen Nebenrolle bekannt ist, doch ihnen ist der Blick auf das große Ganze durch ihren monotheistischen, vereinfachenden Glauben, bzw. durch diesen Gott selbst, versperrt.]«

… soll einer der beiden Herren der christliche Gott sein?

(Nis-Momme Stockmann, der Fuchs)

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fuchs ::: jegliches Sammeln & Menschen, die See

»… dieser Moment liegt unzerstörbar und komplett in meinem Kopf. Als müsste ich nur einen richtigen Schritt tun und ich wäre wieder da … | … das Ereignis jährte sich … war es einfach nicht mehr wirklich erfahrbar und rückte, wie alles in Thule, zu dem man keinen wirklichen Kontakt mehr hatte, schnell und wirksam in die Ferne … | … [Petros, im Pril stehend, immer wieder Dinge aufhebend] … Das salzige Wasser zieht über die beiden Löcher – in der Unendlichkeit der Ebbe winzig; und nach 40 Sekunden hat die Natur ihn vergessen. Keine Spur von seinem Dastehen. Und er sinkt, mit der Stoik eines zenbuddhistischen Mönchs – Ursache, Weg und Ziel zu einem verschmolzen – an einem neuen Ort ein. Wie eine fleischgewordene Beweisführung gegen die Chronologie der Zeit. Um ihn herum verliert sich dieser haltlose Unsinn in der Ebene: nein, Zeit zerfällt und fragmentiert, kreist, steht, staut sich auf – aber fortschreiten? Pft. … von ihm ausgehend, scheint es, expandiert sie in alle Richtungen. Sieht man ihm aber einen Vormittag lang zu, begreift man irgendwann: im Gegenteil: sie verdichtet sich bei ihm. … Blick für Blick geht er den ganzen Vormittag, Schritt für Schritt die Wüste des Wattenmeers ab. Bis die Flut kommt und ihn zurück ans Ufer drängt. … [und manchmal hebt er etwas auf, und sieht es sich genau an] als würde es sich um eine bedeutungsvolle Kreuzung handeln: zwischen dem Schicksal dieses Dings und seinem. Nach einem undurchsichtigen System gibt er den Gegenstand dann entweder wieder zurück – ganz vorsichtig, wie ein Fisch, den man, um sein Überleben besorgt, ins seichte Wasser entlässt – oder er steckt es, offenbar als Fund ausmachend, einige Sätze murmelnd in einen wetterverbeulten und blassen Plastikköcher den er am Gürtel trägt. … | … Für Katja passt das alles ins Raster. … Ich meine: was wenn dieser offensichtlich schon basisverrückte Mensch in den einsamen Jahren nach dem Verlust seiner Arbeit und dem Tod seiner Frau einfach ziemlich viel Zeit hatte, seinen Wahnsinn, gemeinsam mit der Hütte, fein auszubauen … | … ich stehe auf, laufe hinein in diese unbeschreibbare Topographie und gerate in eine wunderbare Ruhe. Das Schreien der Möwen in der Ferne. Der in unwirscher Sprache auf mich einredende Wind in den Ohren. … ein Schritt der wie der vorherige ist. Der wie der vorige ist. Und genau darin liegt der Reiz.«

(Nis-Momme Stockmann, der Fuchs)

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thoreauvian ::: fühlt sich skythisch und schildert Begegnung mit einem Fuchs

Läuft auf Schlittschuhen einem Fuchs hinterher und fühlt sich skythisch. – Ich bemerke dass mir gerade zu warm ist, um skythisch nachzuschlagen, vermute aber etwas Antikes. – Jedenfalls fühlt er sein Stadtleben dadurch aufgelockert. »mich erfreut stets der Anblick eines solchen Phänomens – ein Stück wilde Natur. … alle wilden Tiere … haben ein Talent zum Geheimnisvollen – einen orientalischen Sinn für Symbole und Zeichensprache. – im Fuchs offenbarte sich eine fast menschliche Ahnung des Geheimnisses.« – Das unergründliche im Sein das auch in einem selbst liegt? – Fuchs flieht wenn Thoreau sich ihm nähert, bleibt Thoreau stehen, bleibt auch der Fuchs stehen, »irgendein seltsames, aber unwandelbares Gesetz seiner Natur …«, in den Bann geschlagen, und Thoreau ist es ebenso, beobachtend. »Offenbar gehört der Fuchs zu einer ganz anderen Ordnung von Dingen als der im Dorf herrschenden«, auch wenn die Gerichtshöfe Prämien für sein Fell aussetzen, oder man Moral aus seiner Schläue zieht, beide »sind in kaum einer Hinsicht Zeitgenossen seines Waldlebens.« – Das Menschliche ist für diese Tiere so fremdartig, außerirdisch, beinahe überirdisch muss es ihnen sein. Was natürlich wieder nur eine Anthropomorphizierung ist. Wahrscheinlicher, dass wie auch den frühen Menschen, nichts was in der Natur vorkam, unnatürlich sein konnte. Es war einfach, alles.

(Henry D. Thoreau, Tagebuch II, ein 7. Januar, gelesen im Hochsommer)

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thoreauvian ::: weder Ganzheiten noch Schatten

»ich fürchte dass mein Wissen von Jahr zu Jahr einen deutlicheren und wissenschaftlicheren Charakter annimmt; dass ich, statt Ansichten so weit wie das Himmelsgewölbe zu haben, auf das Feld des Mikroskops eingeengt bin. Ich sehe Einzelheiten, weder Ganzheiten noch den Schatten des Ganzen. Ich zähle einige Teile uns sage: ich weiß.«

(Henry D. Thoreau, Tagebuch III)

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